Das Beusch – Teil 2

Inhaltsverzeichnis

Lara-Sophie wollte gerade ins Bett gehen. Sie hatte sich die Zähne geputzt, ihre langen Haare gründlich gebürstet und ihren Pyjama angezogen. Jetzt hockte sie auf ihrem Bett und wollte noch einmal nach ihrem Beusch sehen. Also öffnete sie die Tür. Sie hatte es jedenfalls vor, doch dann vernahm sie ein Kratzen und eine Art rhythmisches Kauen im Innern. Es klang ein wenig wie eine Nationalhymne. Aber sie konnte sich auch irren, so gut kannte sie die nämlich nicht. Sie wüsste auch nicht, welche es hätte sein können, selbst wenn es wirklich eine wäre.

Lara-Sophie überlegte nur kurz, ob sie die Tür besser verschlossen halten sollte, doch ihre Neugier war größer als sämtliche Bedenken. Sie hatte den Knauf gerade umgedreht, da sprang die Tür schon auf und heraus sprangen unzählige fluffige Wesen, kaum größer als ein gewöhnliches Hausmeerschweinchen. Innerhalb weniger Sekunden war das Zimmer von ihnen bevölkert. Sie hockten auf dem Boden, auf dem Bett, auf Tischen, Möbeln, Schränken. Beziehungsweise war es eher so, dass sie hüpften. Die kleinen Wesen waren in ständiger, hüpfender Bewegung und noch dazu kauten sie unentwegt. Eigentlich wollte Lara-Sophie ein wenig entsetzt und verängstig sein, aber das ging irgendwie nicht. Zum einen weil das rhythmisches Kauen absolut beruhigend auf sie wirkte. Aber auch weil diese kleinen, hibbeligen Wesen so unendlich knuffig aussahen. Sie erinnerten in der Tat an ein gewöhnliches Hausmeerschweinchen, hatten jedoch etwas längere Beine, einen etwas schlankeren Körper und ein sehr, sehr fluffiges Fell, das, was wohl noch am auffälligsten war, in allen möglichen und unmöglichen Farben schimmern konnte. Lara-Sophie war sich ziemlich sicher, dass so manche Farben dabei waren, die es eigentlich gar nicht gab. Jedoch wirkten auch die Bewegungen und das Farbenspiel sehr beruhigend auf die Augen, weil es in sich sehr harmonisch und unaufdringlich war.

Dann merkte sie, wie eines der kleinen Wesen sie immerzu anschaute, während es hüpfte und kaute. Lara-Sophie schaute nun eine Weile lang in dessen große, schwarze Knopfaugen. Dann schien es etwas herunterzuschlucken, um dann seinen Mund zu öffnen. “Hast du den Beusch in diesen Schrank gelegt?”, fragte es. Es schien neugierig, aber auch ein wenig vorwurfsvoll zu sein. Lara-Sophie nickte kurz. “Weißt du”, sprach das Wesen nun weiter, “dass so ein Schrank ein ziemlich schlechter Platz für einen Beusch ist?”

“Nein, das wusste ich nicht”, antwortete Lara-Sophie. “Wieso?”

“Nun”, führte das meerschweinartige Wesen fort, “weil es darin ziemlich eng ist! Du kannst dir sicher denken, dass wir einander ziemlich auf den Füßen herumgesprungen sind!”

“Ja… ja, das denke ich mir. Aber… wer seid ihr eigentlich? Und wie kommt ihr in meinen Schrank?”

Das Wesen schien zu seufzen, bevor es antwortete. “Das sieht man doch, oder etwa nicht? Wir sind Schläfrige Hüpfmeerschweine!”

“So? Ihr seht aber gar nicht schläfrig aus.”

“Noch nicht. Noch essen wir ja noch. Danach werden wir erst schläfrig.”

“Ach so.” Das ergab Sinn für Lara-Sophie. “Aber, dann habe ich noch eine Frage. Was esst ihr denn?”

“Kekse!”

“Kekse? Aber, unsere Kekse wurden doch schon gestern Morgen gegessen!”

“Ja, eure Kekse haben wir ja auch schon gegessen. Denke ich. Wir essen im Moment andere Kekse. Oder auch ab und an ein paar Fluffelknuffel, aber davon gibt es leider nicht so viele. Also essen wir primär Kekse.”

“Also ist der Beusch von euch?”

“Was? Nein. Nein, nein.” Das Schläfrige Hüpfmeerschweinchen schüttelte energisch den Kopf. “Es ist eher so, dass wir dem Beusch folgen. Und wenn wir meinen, dass wir es haben, ist es eigentlich immer schon wieder weg.” Es seufzte und klang dabei ziemlich traurig.

Jetzt erst erinnerte sich Lara-Sophie daran, dass sie ja den Schrank geöffnet hatte, um nach ihrem Beusch zu schauen. Also drehte sie sich einmal zur Seite, um hinein lugen zu können.  Und tatsächlich, es war weg. Jetzt seufzte sie auch. “Ja, wo ist es denn nun hin?”, fragte sie.

“Das wissen wir leider auch noch nicht. Weißt du, immer wenn es seinen Aufenthaltsort wechselt, verlieren wir seine Spur. Erst, wenn es dann eineinhalb Tage still gelegen hat, bekommt es wieder seinen typischen Geruch, aufgrund dessen wir es finden können. Aber so lange sind wir leider auch ziemlich ratlos. Und um nicht ganz zu verzweifeln essen wir in der Zeit Kekse. Oder eben Fluffelknuffel.”

“Ja, aber was denn für Kekse?”

“Das ist eine gute Frage! Pass auf, wir wissen nämlich auch nicht so genau, wo diese Kekse herkommen. Wir vermuten ja, dass es die Kekse sind, die bald da liegen werden, wo der Beusch als nächstes auftauchen wird. Vielleicht auch ein paar aus euren Vorräten. Kann ja sein. Und auch ein paar von denen, die ihr bald einmal besitzen werdet. Aber das auch nur, solange wir hier bei euch sein werden. Verstehst du?”

Lara-Sophie zeigte keine Reaktion. Sie versuchte gerade, den Gedanken des Schläfrigen Hüpfmeerschweinchens zu folgen.

“Naja, aber das sind alles nur Vermutungen.” Es seufzte. “Vielleicht ist es auch ganz anders. Aber das werden wir nie herausfinden.”

“Na gut. Und… was passiert denn nun, wenn ihr hier bei mir seid? Ich habe gelesen, dass etwas ganz wunderbares geschieht, wenn man einen Beusch bei sich hat!”

“Nun ja… Also, wir werden noch ein wenig kauen. Und dann irgendwann einschlafen. Bis wir den Geruch des Beusches erneut wittern, dann wachen wir wieder auf und versuchen, zu ihm zu gelangen. Mehr kann ich dir auch nicht sagen.”

Und tatsächlich wurden die Hüpfer der Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen immer langsamer und behäbiger, das Kauen immer leiser und ungleichmäßiger. Auch das, welches sich mit Lara-Sophie unterhalten hatte, bekam schon ganz müde Augen. Dann blieb eins nach dem anderen stehen, legte sich auf seinen Bauch oder rollte sich auf die Seite und versank im Reich der Träume. Schließlich war das ganze Zimmer voll von dicht aneinander gedrängten, schlafenden Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen. Und mittendrin saß eine kleine Lara-Sophie auf ihrem Bett in ihrem Pyjama. Eigentlich dachte sie gerade, würde es sie auch noch interessieren, was denn Fluffelknuffel sind, aber die Frage wird sie nun nicht mehr stellen können.

Sie schaute noch ein wenig verwirrt um sich und beschloss dann auch schlafen zu gehen. Schließlich hatte sie das ja zunächst vorgehabt und es war auch schon spät. Vorsichtig schob sie ein paar von den schlafenden Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen auf ihrer Decke auf die Seite, um Platz zu bekommen, sich hinzulegen und kuschelte sich unter ihre Decke. Gerade wollte sie ihre Augen schließen, da vernahm sie ein leichtes Grummeln. Es könnte auch in Richtung eines Summens gehen, da war sie sich nicht so sicher. Jedenfalls schaute sie sich nun etwas unruhig in ihrem Zimmer um. Langsam fiel ihr auch auf, dass es, trotzdem sie ihr Licht bereits ausgemacht hatte, ziemlich hell war. Und es schien, als würde es auch immer heller werden. Und die Helligkeit wurde langsam auch immer bunter. So bunt, wie die Felle der Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen. Lara-Sophie vermutete also, dass es diese fluffigen Wesen waren, von denen die Helligkeit ausging. Sie leuchteten, und nun begann das Licht auch noch in den buntesten Farben zu wabern und zu pulsieren. Lara-Sophie war ziemlich beeindruckt. Sie starrte nur auf das Farbenspiel in ihrem Zimmer mit großen, leuchtenden Augen und einem weit aufstehenden Mund.

————

Für die Idee bzw. für ganz viele Ideen hierzu bedanke ich mich ganz herzlich beim lieben Bastian von fonfaltter.de mit einem lauten WUHU! :)

http://www.fonflatter.de/2012/12/20/2649-tellerchen/

About these ads

Ein Gedanke zu „Das Beusch – Teil 2

  1. Pingback: #2665: Nicht so gut « fledermaus fürst frederick fon flatter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s