In Tagebucheinträgen – 1. Eintrag

Inhaltsverzeichnis

1. Tag – Donnerstag, 04.09.2917

Ein Schiff legte an unserer Bucht an. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Es legen öfter Schiffe an, sei es um Handel zu treiben, um Vorräte aufzufüllen, oder einfach, um sich bei uns ein paar Tage der Entspannung willen aufzuhalten. Es waren insgesamt drei Männer, die an Land kamen. Wir vermuteten, dass sie Mitglieder eines Beduinenstammes waren, denn sie waren komplett verhüllt, buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle. Als sie unseren Laden betraten, war ich gerade dabei, die Tische abzuwischen. Ich war doch sehr überrascht, als ich kurz hoch schaute. Ja, hoch ist das richtige Wort. Der Kleinste von ihnen maß wohl etwas mehr als eins achtzig.

Aber sonst empfand ich nichts an ihnen als auffällig. Wie jedes Nomadenvolk wollten sie nicht lange bleiben, nur ihre Vorräte auffüllen und eigene Waren verkaufen. Wie immer fragte die Chefin, ob sie denn auch eigenes Vieh hätten. Als die Männer nickten, erklärte sie unser System. Um die Herde gesund zu halten tauschen wir immer etwa 1:1, neues Blut, neue Gene, naja, alles Fachchinesisch, Hauptsache der Fortbestand der Herde ist gesichert. Die Männer erklärten, sie besäßen zwanzig Schafe und wären bereit sieben zu tauschen, wenn sie dafür acht bekämen. Leonora schmunzelte und meinte: „Das werden wir dann sehen.“ Anschließend wandte sie sich an mich. „Violetta? Kommst du mal? Diese Herren hier haben Schafe für unsere Herde. Führ sie doch bitte runter zu den Weiden.“ Ich nickte nur. Fremden gegenüber war ich schon immer eher zurückhaltend.
Um die Mittagszeit waren wir an der Weide. Es handelt sich um eine Ebene, die von leichten Hügeln umgeben und von kleinen Bächlein durchlaufen wird. Wie viele es sind und wie viel Wasser sie führen, hängt immer davon ab, wann es das letzte Mal und wie viel es geregnet hatte. Heute waren es nur eine Handvoll. Doch aufgrund des schönen, regenreichen Sommers, den wir bisher hatten, strahlte uns die Wiese in einem saftigen Grün entgegen.

Unsere Tiere sind nicht die einzige Herde hier. Mehrere hundert Schafe und auch einige Rinder bevölkern die Ebene. Ich pfiff dreimal kurz, dann lösten sich genau 128 Tiere aus der Großherde und trotteten auf mich zu.

Die Männer führten ihre Tiere in einer Art schwebendem Gatter hinter sich her. Ich hatte so etwas vorher noch nie gesehen, es handelt sich um eine Art kleinen Zaun, der einem folgt, ich denke, per Signal. Darin befinden sich die Tiere und die müssen wohl oder übel dahin laufen, wo das Gatter entlang schwebt. Wir in Helfurth kamen auch ohne solche Hilfen zurecht, unsere Tiere kannten uns und hörten auf unsere Stimmen.

Auf dem Weg hatte ich mir die Tiere der Fremden ansehen und auch heimlich Proben mit meinem Genscanner nehmen können. Das Ergebnis stellte mich zufrieden, ich war der Meinung, dass sie wirklich acht unserer Tiere wert waren. Ich bedeutete den Männern, stehen zu bleiben, dann zog ich wortlos acht Tiere heraus, platzierte sie in einer Reihe und stellte sie sozusagen vor. Der Bock, der der Vater fast aller neuen Lämmer ist, ein paar Kleine, deren Vater ein anderer war und noch ein paar ausgewachsene Weibchen. Die Männer schienen zufrieden. Sie öffneten ihr Gatter, entließen ihre Tiere und ich schickte meine hinein. Somit bestand unsere Herde erstmal bloß aus 127 Tieren und ihre bekam Zuwachs. Ich schickte meine Tiere wieder in die Ebene und wir gingen zurück.
Bis dahin war alles noch ganz normal. Ich hatte nichts erlebt oder getan, was nicht schon hundert Mal passiert wäre. Doch das sollte sich schlagartig ändern. Nur kurze Zeit später folgte die Situation, die mich in meine aktuelle Lage brachte und mein Leben von Grund auf änderte.

Wir waren gerade auf halbem Weg zurück zum Dorf und befanden uns auf einer Allee. Die Sonne stand schon etwas tiefer und warf wunderschöne Schattenspiele durch die Blätter auf den Boden. Der Wind rauschte durch die Äste und die Vögel sangen. Der Tag war einfach nur wunderschön. Ich lief hinter den drei Männern, die sich eifrig am unterhalten waren, hinter mir das Gatter mit den Schafen. Wir waren kurz vor der Brücke, die über den Graben führte, hinter dem die Felder lagen. Ich schaute gerade noch umher, als mein Blick plötzlich an dem mittleren der Männer haften blieb. Das war übrigens der Kleinste. Nur gut zwanzig Zentimeter größer als ich…

Jedenfalls war es mir so, als hätte ich eine Bewegung bei ihm auf Knöchelhöhe wahrgenommen. Ich schaute genauer hin. Und tatsächlich, eine blaue, etwa zehn Zentimeter lange Schwanzspitze schaute aus dem Gewand hervor. Augenblicklich wurde mir einiges klar. Dies waren keine Nomaden, sondern sogenannte Homo animalus. Sie gelten als humanoide Raubtiere, aggressiv und gefährlich. Überall auf unserem Planeten fürchten sich die Menschen mehr vor ihnen als vor irgendetwas oder irgendwem sonst. Tauchen irgendwo welche auf, werden sie sofort getötet. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ihr Verhalten nie studiert werden konnte. Anders herum ergaben Genforschungen eine sehr, sehr hohe Übereinstimmung mit menschlichen Genen. Deshalb das „Homo“. „Animalus“ weil sie als Tiere angesehen werden.

Tatsächlich haben Forschungen auch Merkmale an ihnen festgestellt, die wir Menschen nicht oder nur weniger ausgeprägt besitzen. So hat jeder von ihnen einen Schwanz, was ihnen vermutlich einen verfeinerten Gleichgewichtssinn einträgt. Im Durchschnitt werden sie größer als wir Menschen und ihre Muskeln scheinen mehr Kraft aufbauen zu können als die unseren. Oftmals ist auch ein feinerer Tast-, Seh- oder Hörsinn festgestellt worden.
Das sind alles an toten Exemplaren erforschte Erkenntnisse, die ich gerne hinnehme, doch die These über ihre Aggressivität habe ich nie geglaubt. Auch meine drei Begleiter vor mir erschienen mir bisher alles andere als unfreundlich oder gefährlich. Meiner Meinung nach versuchen sie auch einfach nur zu überleben. Als friedliche Wesen. Also wollte ich sie auf die kleine Unbedachtsamkeit aufmerksam machen, weil sie im Dorf sicherlich auffallen würden.

Ich holte ein bisschen auf, bis ich auf Höhe der Männer war. Dann räusperte ich mich. „Meinen Namen kennen Sie ja bereits. Darf ich Ihre erfahren?“ Der Mann (ja, ganz recht, ich sage „Mann“, obwohl es kein Homo sapiens ist) neben mir drehte seinen Kopf leicht zur Seite und senkte ihn, um mich anschauen zu können. „Ja natürlich. Mein Name ist Thomas. Links von mir, das ist Jake Christian. Und außen links, das ist Joe.“ – „Mhm… “ Ich nickte. Sie sprachen die allgemeingültige Verkehrssprache akzentfrei, bloß ihre Namen wurden in einem Dialekt, ähnlich dem Englischen ausgesprochen. „Und, seid ihr schon länger unterwegs? Ich meine, seitdem ihr das letzte Mal irgendwo angelegt habt.“ Trotzdem ich an die Friedfertigkeit der drei Männer glaubte, war ich leicht nervös.
Thomas ergriff als erster das Wort. „Wir legen so selten wie möglich irgendwo an. Wir versuchen normalerweise ohne fremde Hilfe über die Runden zu kommen.“ Wieder nickte ich.

Ich ließ mich mit Thomas etwas nach hinten fallen, so dass wir schräg hinter Jake und Joe liefen. Während er redete schaute ich ihm in die Augen. Als er den Satz beendet hatte zog ich mit meinem Blick eine Schleife, entlang an den Säumen der Gewänder unserer Vordermänner. Dann schaute ich Thomas wieder in die Augen. Leuchteten sie gelblich?
In dem Moment überlief mich doch eine Gänsehaut. Ich schreibe das hier alles so locker auf, aber ganz wohl war mir in meiner Haut doch nicht. Natürlich hatte ich die oben beschriebene Meinung, aber die Masse dachte doch anders über meine Begleiter und ganz sicher konnte ich mir auch nicht sein. Was ist, wenn sie doch aggressiv waren? Das war ein Risiko, das ich in diesem Moment auf mich nahm.

Ja, ich nahm ein wirkliches Risiko auf mich. Und ich hatte keinen eigentlichen Grund dafür, bloß eine persönliche Meinung, eine Idee, eine Überzeugung. Diese war weder durch Forschung, noch durch Beobachtung bestärkt worden, im Gegenteil würden alle prominenten und wichtigen Personen in unserer Welt ihre Hand ins Feuer dafür legen, dass ich Unrecht hatte.

Und doch…

Irgendetwas in mir wollte Klarheit. Ich wollte mir in diesem Moment glauben und der Masse beweisen, dass sie Unrecht hat. Dass ihr Wissen nichts als ein Vorurteil ist. Und dafür musste ich erstmal mir beweisen, dass meine These keine Unwahrheit war. Dazu bot sich nun die Gelegenheit. Die Reaktion meiner drei Begleiter würde nun zweifelsfrei beweisen, wer Recht hat. Hätte ich sie verraten und töten lassen, hätte ich dadurch nichts bewiesen und auch nichts wiederlegt. Ich wäre wahrscheinlich in meinem Dorf als Held gefeiert worden und hätte dafür den Rest meines Lebens ein schlechtes Gewissen…

Ich schaute Thomas nun in die Augen, doch er reagierte nicht. Ich blickte erneut auf Jakes Gewandsaum, diesmal etwas auffälliger. Schließlich folgte er meinem Blick. Er stutze kurz, dann schloss er zu seinen Leuten auf und sie begannen sich länger zu unterhalten. Ich bemühte mich, etwas von ihrer Diskussion zu verstehen, denn es ging dabei wahrscheinlich auch um mich, doch die drei redeten so leise, dass ich nicht einmal einzelne Wortfetzen auffangen konnte. Dann sah ich, wie Jake Christian seinen Steißbeinfortsatz elegant unter dem Gewand verschwinden ließ.

Ich merkte dass ich leicht zitterte und mein Atem schwerer ging, trotzdem konnte ich ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Jetzt drehten die drei sich um. Einen Moment übermannte mich pure Angst, ich stand wie angewurzelt fest. Ich hatte keine Ahnung, was nun passieren würde.

Thomas ergriff das Wort. „Wir müssen mit dir reden.“ Er schaute sich um. „Kommen hier oft Leute vorbei?“ Ich sah ihn verwirrt an. „Das ist wichtig. Weil das Gespräch … es wird vertraulich sein.“ Gerade den letzten Teil sprach er sehr seriös aus.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, heute wird hier keiner mehr vorbei kommen“ Meine Stimme war leise und etwas belegt, ich musste mich räuspern.

Thomas nickte und schaute zu Joe rüber. „Violetta, so heißt du, nicht wahr?“, fragte dieser. Ich nickte. „Gut. Also Violetta, sag mir: Was hast du gesehen?“ Er sah mir tief in die Augen. Seine hatten auch diesen Gelbstich. Die Angst war nicht mehr so stark, aber die Anspannung stieg. Diese Augen… dieses Gelb ist von solch einer Intensität… Ich konnte in diesem Moment nichts sagen, ich lächelte bloß verlegen, wie es ein Opfer tun würde um seinen Angreifer mild zu stimmen. Reiner Instinkt.

„Was… Was soll ich denn gesehen haben?“, entfuhr es mir.

Thomas ging einen Schritt auf mich zu. „Tu nicht so scheinheilig. Du hast mich doch drauf hingewiesen!“

Ich zuckte zusammen und wich leicht zurück. In mir kam wieder die Frage auf, ob sie mich doch töten wollten und die Angst stieg erneut an.

Joe blickte Thomas kurz an, woraufhin dieser wieder einen Schritt zurück ging. „Bitte Violetta“, Joes Stimme klang ruhig aber ernst, „es ist wichtig für uns, dass du jetzt die Wahrheit sagst.“

Dieser Joe hatte eine Art, die jegliche Spannung und Aggressivität aus der Situation nehmen konnte. Nein, er wollte mich nicht töten. Langsam entspannte ich mich. Ich konzentrierte meinen Blick nun auf Joe und erklärte ihm was ich gesehen hatte und was ich daraufhin in Bezug auf ihre Herkunft folgerte. Ich erklärte, dass ich sie warnen wollte, dass ich anders über sie dachte als der Rest. Sie hörten mir still zu und als ich fertig war, sahen sie sich gegenseitig an. Ich biss mir auf die Unterlippe.

In dem Moment schossen mir hunderte von Gedanken durch den Kopf. Ich weiß nicht, ob sich die drei kurz unterhielten oder nicht, ich war wie abwesend. Es war die Spannung, die Unsicherheit und die Angst, die mich antrieben, denke ich. Es formte sich mehr und mehr eine verrückte Idee in meinem Kopf. Und sie wollte heraus.

„Entschuldigung?“ Die drei blickten mich nun wieder an. „Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Ihr habt Angst, dass ich euch anlüge. Dass ich euch verraten werde und ihr um euer Leben fürchten müsst, nicht wahr?“ Welch eine Ironie. Ich behauptete, dass sie um ihr Leben fürchteten, dabei hatte ich in dem Moment mit Sicherheit mehr Angst als die drei zusammen.

„Worauf willst du hinaus?“, fragte Thomas.

„Also, ich habe eine Idee. Sie mag sicher abwegig klingen, könnte aber funktionieren. Da ihr nun wirklich keinen Grund habt mir zu vertrauen wäre es doch eine Möglichkeit…“, ich stockte kurz und musste einmal schlucken, „mich mitzunehmen.“

In dem Moment erschien mir das als einzig logische Schlussfolgerung. Sie konnten mich nicht gehen lassen, weil sie damit rechnen mussten, dass ich sie verrate. Würden sie mich töten und ohne mich zurückkehren, würden sie auch auffallen, abgesehen davon dass ich nicht glaube, dass sie das tun wollten. Ich hatte ein Wissen, das nicht ans Licht darf. Sonst wäre die Jagd eröffnet. Und die Jäger von uns geben erst Ruhe, wenn das Ziel gefunden und erlegt ist.

Andererseits, was sagte mir, dass sie mir nicht einfach geglaubt und mich hätten gehen lassen, wenn ich nicht meinen Schnabel so weit aufgerissen hätte?

„Ja, ich würde mit euch mitkommen. Natürlich wäre ich bereit zu arbeiten. Ich könnte mich um die Herden kümmern, das kann ich gut. Aber auch kochen und putzen. Bloß auf die Felder mag ich nicht gern… Was nicht heißt, dass ich das nicht auch tun könnte.

Allerdings würde ich dafür auch gerne was zu essen, ein Dach über dem Kopf und ein Platz für meine Sachen bekommen.“ Ich sah sie alle einmal an. Keine Reaktion. „Und wenn es keine Umstände macht, vielleicht ein Minimallohn für die Arbeit… Nein, aber das muss nicht. Normalerweise…“

Ja, ich war doch sehr nervös und redete mich ein bisschen um Kopf und Kragen. Ich dachte mir hier mein ganzes weiteres Leben aus und die drei hatten noch gar nichts dazu gesagt. Und als immer noch keine Reaktion folgte, redete ich einfach weiter.

„Ich müsste halt noch kündigen… und meine Sachen packen… Aber da kann ja einer mitkommen um sicher zu gehen, dass ich nichts euch betreffend verrate. Möglicherweise.“

Ich schaute die Männer nun nur noch verkrampft lächelnd an und sagte nichts mehr. Thomas drehte sich erst zu Joe, dann zu mir. „Wo ist der Haken?“ Ich hob eine Augenbraue. „Haken?“ – „Ja, der Haken. Wo hast du die Falle für uns eingebaut?“ Ich riss die Augen auf. „Falle? Nein, ich meine es ehrlich mit euch!“

Thomas lachte. Der schien mir sehr misstrauisch und frech zu sein. „Ja, das würden alle sagen. Du erwähntest, dass du was von uns willst, wenn du mitkommst. Vielleicht verbirgt sich dahinter ja ein Erpressungsversuch?“ Er legte den Kopf schief und sah mich eindringlich an. „Oder, wenn du zu deinem netten Laden gehst, wer sagt uns, dass du es nicht doch schaffst irgendwie ein Zeichen zu hinterlassen, irgendetwas zu sagen oder zu tun, was uns verrät? Warum solltest du so schnell aufbrechen wollen? Findest du das nicht auch auffällig?“

„Erpressung? Nein… Ich… Das einzige was ich verlangen würde ist die Sicherung meiner Lebensgrundlage. Ich möchte leben können. Und arbeiten. Ich möchte euch in keinem Fall irgendwie auf der Tasche liegen oder unbescheidene Ansprüche stellen. Und dass ich schnell aufbreche, muss nicht unbedingt auffällig sein. Schließlich bin ich auch jung und will noch was von der Welt sehen. Und dass ich euch nicht doch irgendwie verraten will… müsst ihr mir glauben. Ich meine, was wollt ihr sonst tun?“

Joe nickte. „Sie sieht ehrlich aus. Ich glaube sie meint es wirklich so. Wer weiß wieso.“ Er zuckte mit den Schultern. „Jake, du wirst sie begleiten während Thomas und ich das Schiff beladen. Wir legen in einer Stunde ab.“

„Aber Joe! Chef! Wir…“ – „Nein Thomas“ Er atmete einmal tief ein. „Wir werden es versuchen.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Jetzt gingen wir paarweise hintereinander, vorne Joe mit Thomas, der sich heftig beschwerte, hinten Jake und ich. Er sollte bei mir bleiben, solange wir hier waren.
Im Ort trennten sich unsere Wege. Das Vieh ging mit den beiden Großen, wir zwei „Kleinen“ gingen zu mir in den Laden. Leonora stand hinter der Theke und sprach mit einer der anderen Angestellten. Ich blieb nur kurz in der Tür stehen um noch einmal tief durchzuatmen. Dann ging ich entschlossen auf sie zu.

„Leonora?“ – „Ja, Violetta?“ – „Leonora, ich habe ein Anliegen.“ Sie lachte kurz auf. „Du hast ein Anliegen? Na, dann lass mal hören!“ – „Weißt du, ich hab jetzt fast zwei Jahre hier gearbeitet. Ich habe Lust, was von der Welt zu sehen…“ – „Ja…“ Ihr Blick ging an mir vorbei zu Jake, der gerade einen Dekogegenstand von der Theke aufhob und es neugierig hin und her wendete. „Ähm, entschuldigen Sie, das ist zum Angucken, ja?“ Ertappt stellte er es wieder hin und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Dann wandte Leonora sich wieder mir zu. „Was von der Welt sehen willst du? Kann ich dir nicht verdenken. Du bist noch jung, wär ne Schande, wenn du hier versauerst.“ Ich sah sie an und grinste breit. „Gut. Dann macht es dir sicher nichts aus, wenn ich dir sage, dass ich hier und jetzt kündigen und mit den Nomaden mitziehen werde.“

Einen Moment lang war es totenstill im Raum. Leonora sah mir tief in die Augen. „Und das willst du wirklich?“ Ich nickte. „Das hast du dir gut überlegt, so an einem Mittag mal schnell?“ – „Ja, ich habe es mir gut überlegt.“ Sie seufzte. „Na dann, du bist eine freie Frau. Tu, was du für richtig hältst.“ Dann grinste sie kurz. „Aber komm nochmal her!“ Sie kam um die Theke herum nach vorne und umarmte mich freundschaftlich. „Pass auf dich auf, ja?“ – „Keine Angst, werd‘ ich!“

Ich packte noch mein Zeug zusammen und dann betrat ich das Schiff.

Soviel zur verrücktesten Entscheidung in meinem Leben.

Auf dem Schiff selbst habe ich noch nicht viel gesehen. Mir wurde direkt ein Zimmer zugewiesen. Ich bin immer noch sehr überrascht, denn ich hatte noch nie so einen großen Raum für mich alleine.

Ansonsten werde ich noch meine Sachen in die Schränke räumen und mich dann aufs Ohr hauen. Ich bin sehr gespannt, was so die nächsten Tage auf mich zukommt.Hoffentlich werde ich heute überhaupt schlafen können…

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3 Gedanken zu „In Tagebucheinträgen – 1. Eintrag

  1. Vorschlag zu einem Absatz irgendwo mittendrin: „Entschuldigung“, platzte ich heraus. „… –> weil du davor feststellst, dass du nicht weißt, ob sie sich unterhalten haben. Deshalb gefiel mir das „sie sahen mich wieder an“ nicht. Außerdem passt mein Vorschlag zu deiner Bemerkung davor: „Es wollte heraus.“

    Also bis zu dem Punkt, wo Violetta mit ihrer Idee herausrückt, ist die Geschichte absolut fantastisch. In dem Stil kannst du fünfhundert Seiten schreiben und dir gewiss sein, dass ich dieses Buch nicht eher aus der Hand lege, als bis ich alle fünfhundert gelesen hab. Spannend, flüssig – einfach vollendet.

    Aber dann … ich weíß nicht recht. In dem darauf folgenden „Um-Kopf-und-Kragen-Reden“ von Violette wird mir als Leser nicht ganz klar, auf welchem Standpunkt sie steht. Warum sie das sagt. Ich hab ja nichts dagegen, dass sie es sagt. Aber aus welchem Beweggrund? Hat sie Angst um ihr Leben? Ist sie neugierig auf die Homo animalis? Oder noch was anderes? Versteh mich: du musst dem Leser diesen Grund nicht nennen – aber du musst einen haben. Du kannst nicht zwischen beiden hin- und herschwanken. Sprich, das Problem liegt weniger in dem, was Violetta sagt, als vielmehr in dem, was du zwischen ihren Worten schreibst.
    Ich weiß nicht, ob ich verständlich gemacht hab, was ich mein. Aber jedenfalls verlor die Story an dieser Stelle plötzlich an Dynamik, das darf nicht sein.

    Waaah – die gehen alle zu unschuldig mit der Situation um! Für die drei Männer geht es um Leben oder einen unschönen Tod – aber die stehen da und halten ein Kaffeekränzchen? Die roas-geblümte Tasse passt nicht in Tante Ernas Wohnung? Dann schenk ihr doch einfach eine mit blauen Streifen. Erst vermutet Thomas einen Haken und dann lässt Joe sie doch mitkommen. Lass sie nicht so einfach davon kommen. Der Plott ist fantastisch, der hat Mega-Potential, das will ausgeschöpft werden. Hast du dir überlegt, was die Männer gemacht hätten, wenn Violette ihren verrückten Vorschlag nicht unterbreitet hätte?

    Also die zwei Punkte: Violettas Beweggrund und die Reaktion der drei.

    • Jaaa dieser Übergang ist sehr schubbelig… Aber ich hab leider ziemlich wenig Ideen und Kreativität das besser zu machen. Wahrscheinlich weil ich mich zu sehr darauf konzentrierte, weiterzukommen um endlich erzählen zu können was danach passiert… Aber das hatte mir selbst nicht so gefallen, da hast du recht 🙂
      Der Satz „Die gehen zu unschuldig mit der Situation um“ ist für mich ein superguter Ansatz. Du hast nicht zufällig Interesse, daran mit deinen Ausführungen anzuknüpfen?! 😉
      Ohne dabei die Darstellung der Charaktere zu verändern, weil die hab ich so hingestellt wie sie sein sollen, alle 4 😉
      (weißt ja, erstes Kapitel ist dafür da, die folgende Handlung vorzubereiten und die Personen vorzustellen)

      • „Bei richtigem Aufbau muss in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken.“ (Theodor Fontane in einem Brief an Karpeles vom 18. August 1880)

        Aber das erste Kapitel tuts auch 😉

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