In Tagebucheinträgen – 2. Eintrag

Inhaltsverzeichnis

2. Tag – Freitag, 05.09.2917

Ich bin erst einen Tag an Bord und freue mich schon richtig auf meinen ersten Feierabend. Ich bin richtig kaputt!

Aber ein paar Sätze zum heutigen Tage werde ich trotzdem festhalten, sonst ärgere ich mich am Ende nur wieder über mich selbst.

Heute Morgen wurde ich geweckt. Als es an meine Tür klopfte, musste ich wohl einen Moment gedacht haben, ich befände mich noch in Helfurth. Langsam öffnete ich die Augen und mich reckend setze ich mich auf. Erst als ich mich umschaute und mich wunderte, dass alles so anders aussah und der Raum auch viel größer aussah als meiner, riss ich entsetzt die Augen auf. Ja, alles was ich dumpf im Hinterkopf hatte war wahr, kein Traum. Ich griff nach meinem Tagebuch, was ich griffbereit unter meinem Kissen liegen hatte, und blätterte nochmal die ersten Seiten durch. Es klopfte noch einmal an meine Tür, diesmal etwas lauter als zuvor. Hektisch legte ich das Buch beiseite und stand auf. „Moment“, rief ich, dann schritt ich zur Tür und öffnete sie bloß einen Spalt, vorsichtig hinaus schielend.

Da stand ein Mann, etwas größer als ein Meter achtzig mit schwarzem strähnigem Haar und Haut in einem kräftigen Blauton. Ich würde sagen, dass es sich um helles Kobaltblau handelte, etwas heller noch als Tinte.

Für gewöhnlich hätte ich nicht so viel Wert auf die Beschreibung seines Aussehens gelegt, in dem Moment fiel mir eigentlich nur überraschend auf, dass er in etwa  den selben Kleidungsstil trug, wie auch die Menschen auf den Inseln und dem Festland. Den Grund, warum ich mir den genauen Farbton von Haar und Haut schließlich doch merkte, werde ich noch später in meinem Eintrag ausführen.

Jedenfalls stand er da und sah ziemlich ungeduldig und leicht genervt aus, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Ich soll dich abholen und zur Arbeit bringen. Kommst du?“

Ich glaube, ich war in dem Moment schon noch etwas überrumpelt. Abholen? Zur Arbeit? Ich hatte gesagt, dass ich arbeiten will, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass das hier alles so schnell geregelt wird.

Ich zögerte wohl einen Moment zu lang, denn es folgte ein leichtes Stöhnen und ein fragender Blick.

„Ja… ja, ich mach mich nur noch schnell fertig…“

Er nickte, dann schloss ich die Tür. So schnell ich konnte zog ich mir frische Kleidung über und band mein Haar zusammen. Dann öffnete ich die Tür, trat hinaus und griff einer Gewohnheit folgend beim Schließen zum Schloss, um abzuschließen.

„Brauchst du hier nicht, wir beklauen dich schon nicht.“

Ich stutze kurz, dann nickte ich.

„Komm.“ Er klang sehr kurz angebunden, aber ob er einfach nur wortkarg oder vielleicht schlecht gelaunt war, konnte ich beim besten Willen nicht raushören. Jedenfalls hatte er keine große Lust sich mit mir zu unterhalten, also folgte ich ihm stumm.

Wir gingen durch einen längeren Flur. Er war in einem hellen, blassen Blauton gehalten, was ihn in meinen Augen etwas kühl erscheinen ließ. Auf unserem Weg machte er ein paar rechtwinklige Biegungen. Auf beiden Seiten des Fluren sah ich Türen, links allerdings erheblich mehr als rechts. Auf der linken Seite befindet sich übrigens auch meine Zimmertür. Zwischen den Türen bemerkte ich einige Bilder oder dekorierte Tischchen. Trotz der Kühle von der blauen Wandfarbe strahlen die geschickt eingesetzten Accessoires doch eine gewisse bequeme Wohnlichkeit aus. Ich vermute, dass dies der allgemeine Wohnflur ist, an den alle Zimmer der auf diesem Schiff Wohnenden anschließen.

Unser Ziel war ein Fahrstuhl am anderen Ende des Flurs. Wir stiegen ein und fuhren eine Etage höher. Mir fiel auf, dass dies ein ziemlich großer Fahrstuhl ist, aber hier auf dem Schiff erscheint mir eigentlich alles ziemlich groß. Er ist übrigens von zwei Seiten begehbar.

Für einen Moment musterte ich meinen Begleiter noch einmal. Gehörte er wohl zu den Männern, deren Bekanntschaft ich schon gestern gemacht hatte? Ich dachte kurz darüber nach, aber beantworten konnte ich die Frage nicht, ich hatte ja nicht ihre Gesichter gesehen. Dann rief ich mir nochmal ihre Namen ins Gedächtnis.

Da war Joe, der schien so eine Art Chef zu sein, jedenfalls wurde er ziemlich respektvoll angeredet.

Dann Thomas, eine sehr kritische, freche, vorlaute Person. Er hatte sehr oft das Wort ergriffen.

Und Jake Christian. Er war eher ruhig und zurückhaltend gewesen.

Mittlerweile hatten wir den Fahrstuhl schon verlassen und waren in einem weiteren Flur gelandet. Dieser war schnurgerade, schmucklos und einfach gehalten. Es fiel direkt auf, dass sich die wenigen, doppelflügeligen Türen immer paarweise gegenüber befanden.

Wir betraten die zweite Tür von links und sofort empfing uns eine Wand feuchter, wenn auch nicht allzu warmer Luft. Nun befanden wir uns wohl in einer Art Gewächsraum. Vor mir erstreckte sich eine größere bewachsene Fläche, durchzogen von schmalen Feldwegen für die Arbeiter. Mir fällt es allgemein sehr schwer, Größen zu schätzen und ich liege gerne meilenweit daneben, aber ich denke, dass die Strecke von der Tür bis zur gegenüberliegenden Wandseite etwa dreißig bis vierzig Meter misst. Diese besteht übrigens aus einer raumhohen Fensterfront. Der Ausblick war atemberaubend.

Man hatte einen wunderbaren Blick auf den weiten, blauvioletten Himmel. Heute war ein sehr klarer, sonniger Tag. Der größere unserer beiden Monde war sehr gut sichtbar, er schimmerte blass violett durch die Atmosphäre. Die paar Wölkchen bildeten ein filigranes Muster. Es schien dort oben windstill gewesen zu sein, sie bewegten sich keinen Millimeter. Da kein Land in der Nähe war, erkannte man auch keinen Horizont. Es sah aus, als schwebten wir auf dem Nichts. Und es ist praktisch auch so, da die Kontinente und Schiffe bloß auf einer schweren Gasschicht schweben. Es war faszinierend. Mein Blick durch die oberen Gasschichten unseres Planeten war noch nie so klar gewesen. Des Nachts soll man sogar bei optimalen Bedingungen ein rötliches Schimmern aus dem Erdkern erkennen können. Ich beschloss, heute Abend mal aus meinem Fenster zu schauen. Bis jetzt ist es allerdings noch zu hell, um irgendeine natürliche Lichtquelle, außer unserem Stern Ourius, auszumachen. Vielleicht später.

Ich sollte mich auch einmal umhören, ob es hier auch so etwas wie eine Bibliothek gibt. Ich würde nur zu gerne herausfinden, was meine Begleiter für ein Wissen haben. Vielleicht kann ich hier ja Recherchen zu einigen interessanten Themen durchführen. Vielleicht über unsere Geographie? Die Genetik? Es gibt so viele faszinierende Dinge auf diesem Planeten, über die ich zu gerne mehr wissen würde.

Aber ich komme zu weit vom Thema ab.

Das geschäftige Treiben der paar Arbeiterinnen ließ in mir den Gedanken aufkommen, dass man sich wohl mit der Zeit an den tollen Ausblick gewöhnt und ich folgte meinem Begleiter immer noch wortlos, aber staunend durch die Felder.

Als ich merkte, dass einige der Frauen hier mich kritisch musterten und tuschelten, fühlte ich mich nicht sehr wohl in meiner Haut. Mit jedem Schritt wuchs mein Unwohlsein und mein Erstauntsein  wich dementsprechend. Diese Mischung aus meinem wachsenden Unwohlsein und den genialen Eindrücken war wohl schuld daran, dass mir etwas eigentlich sehr augenfälliges nicht auffiel. Als ich aber die Person sah, zu der ich gebracht wurde, traf mich beinahe der Schlag. Ich wette, jeder, mich eingeschlossen – ich muss es zu meiner Schande zugeben – würde damit rechnen, dass alle Personen hier auf dem Schiff relativ ähnlich aussehen, alle mit tiefblauer Haut, schwarzen, glatten Haaren und gelblich schimmernden Augen.

Als wir um die Ecke bogen, kniete sie vor ein paar Sträuchern. Sie trug beige Shorts und ein weißes Top.

„Claire?“, meinte mein Begleiter nur, dann wendete sie sich um und stand auf.

Nun fielen mir ihre Haare ins Auge. Sie hatte rückenlanges, leicht gewelltes Haar, zu einem Pferdeschwaz zusammengebunden. Es war rotbraun. Als sie zuerst ihren Kopf drehte, wehte es leicht in Richtung der Bewegung und schimmerte in den verschiedensten Tönen, von einem eher bräunlichen Kastanienrot, über ein leuchtendes Kirschrot bis zu einem eher ins Orangene gehenden, kräftigen Zinnoberrot. Dann erhob sie sich langsam, den Blick gesenkt, sich den Dreck von den Knien abklopfend. Ihre Haut war türkis- bis meerblau. Dann erhob sie den Kopf und schaute mich, erst überrascht, dann musternd, schließlich abfällig aus tiefen, leuchtend grünen Augen an. Ich schluckte.

„Was soll das denn?“, fragte sie nur, eine abfällige Handbewegung in meine Richtung machend.

„Claire, das ist…“, er überlegte kurz, „Violetta. Sie wohnt jetzt hier an Bord. Joe hat beschlossen, dass du dich erstmal um sie kümmern sollst.“

„Ich?!“ Sie riss die Augen weit auf und schüttelte dann lachend den Kopf.

Mir fiel auf, dass sie beim Reden sehr viel gestikulierte.

„Oh nein, so haben wir nicht gewettet. Da kommt einmal so ein Mensch auf unser Schiff und dann soll ich das Kindermädchen spielen? Was hat sie überhaupt hier verloren?“

Mein Begleiter seufzte einmal. „Das ist eine lange Geschichte. Ich bin auch nicht ganz unschuldig dran, aber das erzähl ich dir nachher beim Essen.“

Jetzt grinste Claire leicht. „So so, dann soll ich also deine Fehler ausbügeln?“

Was mein Begleiter dann sagte oder tat ist mir leider entfallen. Bis dahin war ich auch noch voller Erstaunen an Claires Erscheinung kleben geblieben, wobei während des Gesprächs das Gefühl des Fehl-am-Platz-seins immer stärker wurde und mein Blick sich immer mehr gesenkt hatte, dann jedoch blieb ich plötzlich an einem Satzfetzen hängen. Hatte mein Begleiter gesagt, er wäre nicht ganz unschuldig daran, dass ich hier wäre? Dann muss er ja wohl einer der drei Männer von gestern sein. Joe ganz sicher nicht, Thomas würde ich auch ausschließen, der war größer und mit Sicherheit hat er nichts dafür getan, dass ich hier bin. Wenn ich mich recht entsinne, war er strickt dagegen gewesen. Also stand Jake Christian neben mir. Ich grinste in mich hinein. Also wurde derjenige, der für mein Hiersein verantwortlich war auch als Bote geschickt, um mich hier an passender Stelle abzuliefern. War eigentlich auch logisch.

Meine Gedanken wurden auf einmal unterbrochen, als Claire mich ansprach. Irritiert schüttelte ich kurz den Kopf, dann sah ich zu ihr hinauf.

„Sag mal, ist die irgendwie stumm oder taub?“, frage Claire, an Jake gewandt.

„Nein, nicht dass ich wüsste…“ Er sah mich fragend an. Dann zuckte er mit den Schultern. „Na ja, ihr werdet schon miteinander auskommen. Ich muss dann auch mal.“ Er hob kurz die Hand zum Gruß, dann drehte er sich um und ging.

Claire seufzte. „Also, Violetta heißt du.“

Ich nickte.

Naja, jetzt bin ich langsam wirklich etwas zu müde um das folgende kurze Gespräch noch wörtlich und detailliert aufzuschreiben. Jedenfalls verdonnerte Claire mich dazu, den ganzen Vormittag mit einem kleinen Schäufelchen bewaffnet auf Knien zu rutschen und Unkraut zu jäten. Interessant ist was anderes, ich hasse Gartenarbeit… Bis zur erlösenden Mittagspause hatte ich mir auch nicht zu verachtende Rückenschmerzen erarbeitet.

Aber das mit der Pause war auch eine mehr oder weniger merkwürdige Geschichte. Natürlich hat mich keiner aufgeklärt, wann es Essen gibt oder wie das überhaupt gehandhabt wird. Ich war fleißig am Arbeiten als ich auf einmal merkte, dass alle in dem Gewächsraum geschlossen hinaus gingen. Also schloss ich mich an und fand mich auf einmal in einer Art Kantine oder Aufenthaltsraum wieder.

Dabei gingen wir wieder zum Aufzug und fuhren eine Etage hinunter, stiegen aber diesmal auf der anderen Seite aus.

Der Raum selbst ist halbkreisförmig und bietet Platz für gut hundert Personen. Allerdings waren nicht die Hälfte der Plätze besetzt. Die Fassade der gebogenen Wandseite besteht wieder aus einem raumhohen Fenster mit atemberaubendem Ausblick. Ich schätze, der Raum befindet sich am Bug des Schiffes.

Ich spürte wieder die bohrenden Blicke der hier Lebenden. Einige wussten sicher noch nichts von meiner Anwesenheit, ich liefere sicher viel Gesprächsstoff für die nächste Zeit.

Ich setzte mich alleine an einen der äußersten Tische. Ich denke, es wäre etwas frech gewesen, sich zu einer Gruppe zu setzen. Momentan gehöre ich hier nirgendwo dazu und ich habe nicht das Gefühl, dass hier irgendjemand besonders scharf darauf ist, mich in seinen näheren Freundeskreis aufzunehmen. Also halte ich mich erstmal bedeckt, man will ja nicht allzu störend auftreten. Das wird sich mit Sicherheit noch im Laufe der Zeit ergeben, wenn ich mich eingelebt habe und man sich an mich gewöhnt hat.

Ich begnügte mich erstmal damit, mich umzuschauen. Die Einwohner auf diesem Schiff waren wirklich in jeglichen Punkten eine bunt gemischte Truppe. Hier gab es alles von jungen Familien mit Babys bis Alten. Die Haarfarben variieren von blond bis schwarz. Die Hautfarben grob ausgedrückt von Violett bis Türkis. Ich war beeindruckt.

Während meinen Beobachtungen bekam ich hunger. Ich schaute mich um, ob es wohl irgendwo eine Kantine oder eine Essensausgabe oder ähnliches gab, aber ich fand nichts. Beim Umschauen fiel mir auch auf, dass es kein Einheitsessen gab. Ich stellte die Theorie auf, dass wohl jeder eine Küchenzeile hat und man sein Essen einfach selbst kocht. Mittlerweile weiß ich auch, dass das stimmt. Ich hatte später Claire danach gefragt. Was man dafür braucht, darf man sich einfach aus dem Lager nehmen. Das hat sie mir dann auch gezeigt, ist im selben Flur wie mein Zimmer, bloß auf der anderen Seite.

Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich das leider nicht. Und auch nicht wie lang die Pause dauern würde, sowie wann ich wider zurück sein müsste. Also blieb ich einfach sitzen und beobachtete weiter Leute.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich jetzt so müde bin. Ich hab ja noch gar nichts gegessen. Ich denke, ich werd mir gleich erstmal was Feines zum Abendbrot machen, damit ich morgen beim Arbeiten nicht zusammenklappe.

So, das wars dann soweit mit meinem Eintrag für heute. Der Nachmittag bestand nämlich auch nur aus Unkraut jäten.

Und ein besonders Geistreicher Satz, um den heutigen Eintrag abzurunden fällt mir auch nicht mehr ein, also belasse ich es bei einem: „Bis morgen.“

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