In Tagebucheinträgen – 3. Eintrag

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6. Tag – Mittwoch, 09.09.2917

Das Leben hier auf dem Schiff erweist sich als sehr regelmäßig. Ich bin bereits eine Woche hier und schreibe erst zum dritten Mal in mein Tagebuch. Es gibt hier einfach nichts, was ich jeden Tag hätte aufschreiben können. Mehr als gewöhnliche Gartenarbeit habe ich noch nicht geleistet. Aber ich trage einen sinnvollen Beitrag zur Gemeinschaft bei, das ist doch schon mal was.

Ansonsten habe ich noch einiges über die Caradics, so nennen sich meine Gastgeber selbst, teilweise durch Hinterfragen, aber meist durch Beobachtung in Erfahrung bringen können.

Ich fange einfach mal damit an, wie die Arbeit in dem Bereich geregelt ist, den ich kenne, dem gemäßigt-feuchten Gewächsraum.

Die paar Arbeiter und zumeist Arbeiterinnen, die dort sind, haben jeweils die Verantwortung über ein eigenes Areal, das sie pflegen, bebauen und abernten müssen. Jedes Areal ist nochmal in Parzellen untergliedert, die sich alle in unterschiedlichen Wachstumsstadien befinden. So kann alle paar Wochen entweder geerntet, gepflügt oder gesät werden. Der Sinn davon ist, dass es hier auf dem Schiff weder allzu knappe, noch allzu volle Zeiten gibt.

Der Tag, an dem man hier frei hat, ist bei jedem ein anderer. Meiner ist der heutige, also Mittwoch. Das liegt einfach daran, dass Claire heute auch frei hat. Sie muss während der Arbeit nun mal immer ein Auge auf mich haben.

Claire… Es ist interessant mit ihr. Wie mit wirklich allen auf dem Schiff habe ich auch zu ihr noch kein sonderlich gutes Verhältnis. Ich kann sie fragen, wenn etwas unklar ist. Ich habe sie zum Beispiel gefragt, ob es hier eine Bibliothek gibt und sie hat sie mir auch gleich an dem Tag nach Feierabend gezeigt. Diese befindet sich übrigens fast gegenüber von meinem Zimmer. Aber lange Gespräche führen wir nicht. Sie lässt mich spüren, dass sie nicht meine Freundin oder wenigstens gute Bekannte sein will, ohne aber ausfällig oder unhöflich zu werden. Ich bin nun mal immer noch die Fremde, die Seltsame, die, die nicht dazu gehört. Aber ich bin ja auch erst eine Woche da. Gut Ding will Weile haben. Ich glaube jedenfalls, dass es schon möglich ist, sich mit den Caradics anzufreunden. So, wie ich ihr Verhalten in den letzten Tagen erlebt habe, sind sie nicht anders, als wir Menschen auch. Vielleicht sogar noch freundlicher untereinander. Sie machen sehr gerne Scherze lachen ziemlich viel, finde ich. Gerade Claire.

An unser Areal stößt das von einer gewissen Susan. Sie und Claire verstehen sich wirklich prächtig. Es vergeht kein Tag, an dem die zwei nicht über irgendetwas quatschen. Gerne erzählt Susan von ihrer Familie. Sie hat einen Mann, Christian, und ein paar Kinder. Tommy ist zum Beispiel fünf Jahre alt. Er kommt auch schon mal mit, um zu „helfen“. Nur meistens passiert dann genau das Gegenteil von dem, was eigentlich passieren soll. Ich erinnere mich einmal, da war Susan gerade dabei, Unkraut zwischen noch jungen Pflänzchen auszumachen. Tommy saß direkt neben ihr. Er schaute genau zu und fragte dann: „Mama, darf ich auch mal?“ – „Ja, natürlich, gerne.“ Dann zeigte sie ihm, welche Pflanzen Unkraut waren und wie man es ausmacht. Natürlich begab er sich sofort fleißig ans Werk. In dem Moment kam Claire vorbei, meinte scherzhaft: „Das ist ja typisch, dass du den Kleinen die Arbeit machen lässt“, und lachte kurz. Lächelnd stand Susan auf, schaute noch einmal zu Tommy rüber und fing an: „Ach, solange es ihm Spaß macht.“ Sie unterhielten sich eine Weile darüber, dass ihr Mann heute irgendwo gebraucht wurde und dass Tommy nochmal unbedingt mitwollte, bis sich beide nach gut zehn Minuten darauf einigen konnten, wieder an die Arbeit gehen zu wollen. Als Susan sich dann umdrehte, riss sie erstaunt die Augen auf. „Tommy, was…!?!“ So schnell sie konnte lief sie zu dem Kleinen, der sich schon ein paar Meter weiter hinten befand, und nahm ihn schnell auf den Arm. Aus großen, unschuldigen Augen schaute ein mit Dreck verschmierter Junge seine Mami an, als wolle er sagen: Und, war ich nicht fleißig? Ja, fleißig war er allemal, denn der hatte auf dem ganzen Weg, den er zurückgelegt hatte, wirklich alle Pflänzchen entwurzelt und fein säuberlich in den bereitstehenden Korb gelegt.

Claire selbst ist nicht verheiratet. Sie müsste altersmäßig in den Zwanzigern sein und lebt mit ihren Eltern und Geschwistern hier. Im Aufenthaltsraum sitzt sie allerdings immer zusammen mit den anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von etwa zehn Personen, zu denen auch Jake Christian und Thomas gehören. Mittlerweile gehe ich stark davon aus, dass die beiden Brüder sind, aber sonst keine Anverwandten auf dem Schiff haben. Wirklich gesagt haben sie es zwar nicht, aber sie benehmen sich so, wie Brüder miteinander umgehen. Natürlich nicht ständig, Thomas konzentriert sich meistens eher auf seine Freundin, aber es sind einige kleine Gesten und Wesensarten, die mir zeigen, dass sie aus demselben Elternhaus stammen. Sie haben zum Beispiel dieselben Augen und dasselbe Lachen. Gerade Thomas stichelt keinen so oft wie Jake. Und die zwei haben auch gerne mal Insider-Gags, die sonst keiner versteht.

Ich sprach davon, dass Thomas eine Freundin hat, nämlich Sarah. Sie ist die Tochter von Joe, hat türkisfarbene Haut und blond-braunes Haar. Sie kommt vom Aussehen sehr nach ihrer Mutter, Grace. Diese hat nur ein etwas helleres Türkis und blonde Haare. Sarahs Charakter schlägt aber sehr nach Joe, sie hat eine wirklich sehr geduldige, freundliche und vernünftige Art und stößt Thomas nicht selten in die Seite, wenn er wieder mal etwas zu vorlaut war.

Ich denke, ich habe auch verstanden, welche Funktion Joe erfüllt. Er wird, wie bereits erwähnt, „Chef“ genannt. Er ist dabei der Kapitän des Schiffes, aber auch eine Art Führer, Ältester oder Häuptling der Gruppe. Ich denke, die Caradics haben wirklich Glück mit so einer Person in einer verantwortlichen Stellung wie dieser. Was mich bloß noch interessiert, ist, wie man hier zu solch einem Amt kommt. Wird es vererbt? Wird Joe seinen Nachfolger ernennen? Oder hat vielleicht das Volk da auch ein Wörtchen mitzureden? Fragen über Fragen.

Ich denke, ich werde nachher mal der Bibliothek einen Besuch abstatten, vielleicht klären sich dann ein paar Fragen fast von ganz alleine. Schließlich habe ich den Tag noch vor mir, bisher habe ich erst ausgeschlafen und gefrühstückt.

Ich bin mal gespannt, wie das die nächsten Wochen hier weiter laufen wird. Und wann ich meinen nächsten Eintrag verfassen werde.

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