In Tagebucheinträgen – 4. Eintrag

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27. Tag – Mittwoch, 30.09.2917

Siebenundzwanzig Tage… verdammt, schon fast ein ganzer Monat… Ob mir die Zeit kürzer oder länger vorkommt, kann ich nicht sagen, es hätten auch genauso gut zehn oder sechzig Tage sein können. Jedenfalls war ich wohl eben überrascht, als ich diese Zahl ausgerechnet hatte.

Wie ist es mir bisher ergangen?

Am besten fange ich mit den Dingen an, die sich seit meinem letzten Eintrag geändert haben. Das ist schon drei ganze Wochen her…

Ich habe mich an die Arbeit auf den Feldern gewöhnt. Ich bin abends nicht mehr so müde und kann noch in die Bibliothek gehen oder ab und an Streifzüge durchs Schiff unternehmen. Allerdings nur auf den beiden Ebenen, auf denen ich mich sowieso aufhalte. Der Zutritt zum Maschinenraum ist mir untersagt, an Deck darf ich auch nicht. Ich wurde jedenfalls scharf zurechtgewiesen, als ich es versucht hatte…

Das Wissen der Caradics ist wirklich immens beeindruckend! Ich konnte jede Menge über den Aufbau unseres Planeten lernen. Oder weitere Einzelheiten über die Genetik.

Beispielsweise kann ich nun erklären, wieso wir auf dem „Nichts“ schweben. Das hat mit der giftigen Schicht unter uns zu tun. Die besteht nämlich größtenteils aus Edelgasen wie Krypton in den oberen Schichten, Xenon in den mittleren Schichten und nahe des Erdkerns Radon. Diese Gase sind allesamt schwerer als die Luft, die wir atmen, deshalb bleiben sie unten und geben allem Auftrieb, was eine geringere Dichte hat, also leichter ist als sie.

Bloß sind weder wir Menschen, noch die Inseln leichter als die Gase. Da kommen nämlich noch besondere Kräfte ins Spiel. Es gibt eine Kraft, die dafür sorgt, dass wir nicht ins Weltall triften und eine andere, die dafür sorgt, dass wir nicht auf den Erdkern gepresst werden. Die Caradics haben jede Menge Details und Formel dafür, aber merken konnte ich mir bisher nur das Grundsätzliche. Jedenfalls scheint es so, dass diese beiden Kräfte genau an der Horizontlinie ausgewogen sind.

Ich hab bloß die Vermutung, dass dies noch von der Größe oder des Materials des Objekts abhängig ist, denn dass normale Menschen sofort fallen, wenn sie das Land verlassen, weiß jedes Kind. Und dass man für Schiffe spezielle Materialen und eine ausgefeilte Technik benötigt, weiß ich, seitdem einmal ein alter Kapitän in Helfurth anlegte und mir davon berichtete.

Ein weiteres Phänomen, das ich mir nie erklären konnte, waren die wolkenartigen Schlieren, die man tagsüber bei gutem Wetter nahe dem Erdkern erkennen kann. Und das rötliche Leuchten, welches abends, ebenfalls nur bei gutem Wetter, aus derselben Richtung sichtbar wird.

Die Schlieren hängen damit zusammen, dass zum Erdkern hin die Temperatur stark steigt, sowie das Gewicht, das auf den Gasen lastet, wodurch sie sich verdichten. Diese Schlieren sind eine Folge daraus. Die Edelgase können sich praktisch nicht entscheiden, ob sie unter diesen Bedingungen fest oder gasförmig sein wollen und wechseln ständig ihren Zustand.

Das Leuchten hängt dann damit zusammen, dass das Radon rot leuchtet. Dazu gabs dann auch jede Menge Erklärungen, Formeln und so weiter, aber nachdem ich das überflogen hatte, habe ich mich mit diesem einen Satz abgefunden.

Die Caradics haben auch allgemeine Lexika. In einem habe ich mal „Mensch“ nachgeschlagen. Den genauen Wortlaut habe ich leider vergessen, doch stand da was von einer unerforschten, aggressiven Rasse, die nur auf Konflikt aus ist und weitläufig zu meiden ist. Dann noch irgendein Hinweis zu weiterführender Literatur, die den Umgang mit uns beschreibt. Überall findet man nur: nicht mit ihnen reden; den Kindern früh beibringen, ihnen aus dem Weg zu gehen; einen gesunden Hass zu entwickeln sei auch vernünftig.

Ich bin mittlerweile mehr als überrascht, wie konsequent sie diese Anweisungen umsetzen können.

Ich habe doch in meinem letzten Beitrag so begeistert über Susan und Tommy geschrieben.

Letztens meinte der Kleine zu seiner Mutter: „Wer ist das da eigentlich?“ und zeigte auf mich. Als sie meinte: „Ein Mensch“, hat er die Augen aufgerissen, sich hinter Susan versteckt und ist seit dem nicht mehr mitgekommen. Wie ich aus Gesprächen mitbekam, aus Angst, ich würde ihn töten, wenn seine Mutter mal nicht hinschaut. Claire lobte Susan für ihre gute Erziehung. Sie meinte, sie würde mir sowas ja nicht zutrauen, aber man wisse ja nie… Was soll ich davon halten?

Mittlerweile will ich hier einfach nur noch weg. Ich habe sogar schon mal mit dem Gedanken gespielt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, Jake, Thomas und Joe zu verraten…

Natürlich habe ich das verneint. Ich habe sofort daran gedacht, wie viel sie ihren Freunden, ihrer Familie, dem ganzen Schiff bedeuten. Es wäre nicht fair gewesen.

Mich hier so zu behandeln ist meiner Meinung nach aber auch nicht besonders fair…

Ich habe es seit letzter Woche aufgegeben, mich in den Pausen in den Aufenthaltsraum zu setzen. Es tat einfach zu weh, immer nur von einer Masse fröhlicher Personen schief angeschaut oder ignoriert zu werden. Dann bin ich doch lieber alleine…

Ich habe auch schon mal darüber nachgedacht, dass es unter ihnen vielleicht auch einen oder zwei gibt, die über mich so denken wie ich über sie, die Möglichkeit besteht. Doch denke ich nicht, dass sie sich unter der vorherrschenden Stimmung überwinden könnten, mich anzusprechen, als wäre ich eine normale Person. Was würden die anderen denken?! Da müsste schon etwas gigantisch Seltsames und Unvorhersehbares passieren, ehe es so weit käme.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich darauf hoffen soll oder nicht. Ich hatte mir vorgenommen zu hoffen. Ich meine, was mir vor einem knappen Monat passiert ist, war auch nichts Alltägliches. Es besteht immer die Möglichkeit auf plötzliche, unvorhersehbare Wendungen im Leben.

Vielleicht bestehen diese in meinem Fall auch nur darin, irgendwann die Möglichkeit zu finden, von hier zu fliehen.

Fliehen. Ich musste gerade selbst stutzen, als ich dieses Wort schrieb. Es klingt, als wäre ich eine unfreiwillig Gefangene. Gefangen vielleicht, aber freiwillig. Da hatte ich mir jedoch noch alles ganz anders vorgestellt. Ich glaube mittlerweile, das war pure Naivität.

Hoffen. Das bleibt mir. Oder das Abfinden.

Heute ist ein sehr schöner Tag. Ich denke, ich setze mich gleich auf meinen kleinen Balkon und beobachtete die Edelgasschlieren unter uns. Hoffentlich kommt keiner von meinen Caradic-Nachbarn auf dieselbe Idee…

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Ein Gedanke zu „In Tagebucheinträgen – 4. Eintrag

  1. Wow.
    Wie machst du das? Mir ist, als hätte sich die Geschichte verselbstständigt. Als würde ich den Autor nicht mehr kennen als Desmond Bagley, Kenneth Oppel (google den mal!) oder Karl May.

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