In Tagebucheinträgen – 5. Eintrag

Inhaltsverzeichnis

53. Tag – Mittwoch, 28.10.2917

Die Tage verschwimmen immer mehr. Dreiundfünfzig sind es inzwischen. Sei’s drum.

Ich hatte mir vorgenommen, all meine Erlebnisse aufzuschreiben. Lächerlich. Was soll ich schon erleben? Es ändert sich verdammt nochmal nichts. Fast zwei Monate lebe ich hier. Ich werde gemieden, ignoriert, verachtet.

Zuletzt schrieb ich etwas von Hoffnung. Was für ein bescheuertes Wort. Auf was soll ich hoffen? Hier gibt es nichts für mich zu hoffen. Ich schrieb auch was vomAbfinden. Das Wort ist noch viel bescheuerter. Ich müsste ein herzloser Roboter werden, um mich mit so etwas abzufinden.

Es wäre mit Sicherheit noch nicht einmal halb so schlimm, wenn ich wüsste, dass die Caradics von Grund auf böse wären, Hass ich sich trügen und zu keinerlei sozialen Kontakten fähig wären. Oder wenn ich Gefangene wäre und von alldem nichts mitbekommen würde. Doch ich lebe mitten unter ihnen. Alleine in einer starken, fröhlichen Gemeinschaft.

Ich kann das verdammt noch einmal nicht mehr! Ich will nicht mehr! Es ist mir egal, was passiert, Hauptsache das hier endet. Und wenn ich dafür sterben muss…

Ach verdammt, jetzt hab ich mit meinen dummen Tränen die ganze Tinte verschmiert…

Tränen… Eigentlich bin ich jede Nacht am Weinen. Es fing vor… ich weiß nicht, vor wie vielen Tagen es anfing. Man soll meinen, eine Zeit von zwei Monaten sei überschaubar und kurz. Für mich ist es eine Ewigkeit. Ohne Ende und ohne Anfang.

Ich vermisse meine Freunde. Ich vermisse einfach nur, beachtet zu werden. Um ehrlich zu sein, würde mich aktuell sogar ein phantasieloser Anmachspruch eines dicken, alten Matrosen glücklich machen. Unfassbar, wie ich das alles vermisse…

Dieser verdammte Krach da draußen auf dem Flur… Ich glaube, die haben gestern Abend angelegt, weil das Wasser wieder knapp wurde. Auch egal. Ach verdammt, können die da draußen nicht einfach mal still sein? Was ist da überhaupt los?

Hier versteh hier mittlerweile einfach gar nichts mehr. Ich habe es aufgegeben, die Caradics verstehen zu wollen. Mir ist die Lust vergangen, irgendwelche Gedankengänge oder Handlungen zu hinterfragen. Oder herauszufinden, inwiefern irgendetwas noch Lo

Mittags

Ich bin immer noch wie benebelt. Wie in Trance. Im Moment sitze ich hier und verstehe noch kaum etwas… Es ging alles viel zu schnell…

Langsam beginnen sich meine Gedanken zu ordnen…

Ich berichtete zuletzt etwas davon, dass es so laut auf dem Flur war. Ich dachte, die würden alle ihren Spaß haben, wären am Lachen und ich hatte mich noch mehr als Außenseiter und einsam gefühlt.

Dann unterbrach man mich mitten im Satz.

Es fiel mir in der Situation sowieso schon schwer, zusammenhängende Sätze zu schreiben. Ich weiß nicht, wie lange ich für die paar Zeilen brauchte, wohl aber länger als gewöhnlich. Auch im Moment stecken sowohl zwischen den Sätzen, aber auch einzelner Satzteile, längere Denkpausen. Allerdings ist das aktuell eher noch die Taubheit. Heute Morgen war es die Trauer. Die ständigen Tränenausbrüche hinderten mich daran, flüssig zu schreiben.

Ich saß in dem Moment auf meiner Bettkante, leicht vornüber gebeugt.

Wie bereits gesagt hörte ich diesen Lärm draußen. Stimmen und Laufgeräusche. Dann wurde meine Tür aufgerissen. Bevor ich einen ganzen Gedanken fassen konnte, hörte ich schon eine mir unbekannte Stimme. Sie rief: „Leute, schnell! Sie haben eine Gefangene!“ Langsam hob ich meinen Kopf. In der Tür stand ein Mann, ein Mensch. Es war ein Soldat, bekleidet mit einer Rüstung aus einem besonderen, blau-silbrig schimmernden Metall. Ich merkte, wie er auf mich zu kam, sich vor mir hinhockte und mich voller Mitleid ansah. Unter seinem Helm konnte ich ihn nicht erkennen, nur seine Augen. Er hatte sehr schöne Augen. Sie waren blau. Ich hörte wie er flüsterte: „Was haben sie nur mit dir angestellt…“ Er schüttelte langsam den Kopf, dann stand er auf. Ich folgte seiner Bewegung mit meinem Blick. Er schaute noch einmal zur Tür, dann nahm er mich auf seine Arme und trug mich hinaus auf den Gang.

Jetzt erst drangen die zuerst gehörten Geräusche wieder zu mir durch. Was zuerst stumpf in meinem Kopf hallte, prallte nun mit aller Wucht gegen meine Sinne.

Alle Türen standen auf, der gesamte Flur lag voll von verstreuten und zerstörten Gegenständen die einstmals zur Dekoration dienten oder einzelnen Caradics gehörten. Auf meinem linken Ohr hörte ich Schläge und das laute Schimpfen eines Soldaten, auf meinem rechten das Weinen und Schreien von Müttern und Kindern. Ich wurde ohne Umwege durch den Flur zum Fahrstuhl getragen, vorbei an Zimmern, die verwüstet waren und leer standen, oder in denen ein Caradic versuchte, seine Frau von einem Soldaten abzuschirmen, als dieser sein Schwert hob. Den Schrei hörte ich erst, als wir schon an der nächsten Tür waren, wo ein Alter von einem wütenden Soldat aus seinem Bett gezerrt wurde.

Dann waren wir am Aufzug. Wir schlüpften gerade noch hinein, bevor er sich schloss. Um mich herum standen eine Handvoll Soldaten mit geraden Blick und aufrechter Haltung, jeder hatte einen Caradic an seiner Seite, den er mit festem Griff nah an sich hielt. Einige blickten zu Boden, andere geradeaus. Manche ignorierten mich, andere warfen wütende und traurige Blicke auf mich. Ein kleiner Caradic drängte sich nah an seine Mutter und versteckte sein Gesicht hinter ihren Beinen.

Dann waren wir an Deck. Dort bot sich ein ähnlicher Anblick. Die Soldaten hatten die Caradics gefesselt und zusammengetrieben wie Tiere. Viele waren verwundet. Manche tot.

Wir verließen das Schiff. Ich hatte die ganze Zeit mein Tagebuch krampfhaft festgehalten. Der Soldat blickte nun zu mir herunter. „Keine Angst, jetzt sind wir da raus.“ Seine Stimme klang sanft und nett. Ich schaute ihm wieder länger in die Augen. Er schien zu schmunzeln. „Ich bringe dich erstmal wohin, wo du dich ausruhen und frisch machen kannst. Wenn du etwas brauchst, kannst du Bescheid sagen. Ich heiße übrigens Locur.“ – „Violetta“, antwortete ich immer noch geistesabwesend.

Wir gingen in eine Art Gasthaus, er trug mich die Treppen hinauf und setze mich auf das Bett, auf dem ich immer noch sitze.

„Gut Violetta.“ An seinen Augen sah ich, dass er wieder lächelte. Er wollte gerade gehen, da drehte er sich noch einmal in der Tür um. „Naja, heute war sicher ein besonderer Tag für uns alle hier… Ich denke, die Stadt wird heute Abend ein großes Fest am Marktplatz veranstalten. Du bist auch herzlich eingeladen.“ Ich nickte nur kurz. Ich merkte, wie er noch in der Tür stehen blieb. Er schien kurz nach Worten gesucht zu haben, denn dann meinte er: „Wenn du magst, kann ich dich nachher abholen.“ Ich nickte nur. „Gut, dann sehen wir uns später.“ Jetzt verließ er den Raum und schloss die Tür.

Ich denke, ich habe es jetzt einigermaßen geschafft, meine Gedanken zu ordnen. Anscheinend war heute schon wieder ein Tag, der mein weiteres Leben von Grund auf ändern wird. Jedenfalls bin ich vom Schiff runter und wieder unter Menschen. Alles Weitere werde ich sehen.

Das ist schon interessant… Da fing ich vor zwei Monaten dieses Tagebuch an, um meine Erlebnisse mit den Caradics festzuhalten. Und jetzt ist das auch schon wieder vorbei. Und trotzdem schreibe ich weiter hinein.

Das ist eigentlich eine gute Sache um die eigenen Gedanken zu ordnen und besser mit den Wirren der eigenen Gefühle klarzukommen. Mal sehen, vielleicht behalte ich mir diese Angewohnheit bei. Denn schlussendlich wird es doch wohl niemand mehr lesen…

Advertisements

Ein Gedanke zu „In Tagebucheinträgen – 5. Eintrag

  1. „Wo Tränen fließen, können Worte nicht auch noch fließen. Entweder oder.“ Aber dein Satz ist auch gut. Formulierte sich grad in meinem Kopf.
    Ich höre grad die Musik von Spirit und die passt richtig gut zu der ganzen Geschichte.

    Stark.

    Aber – ist sie denn kein bisschen … entsetzt? Was die Menschen den Caradics angetan haben? Was ist mit Claire? Was mit Jake Christian? Sie sieht Tote und Verwundetet …
    na gut, sie ist noch ganz betäubt. Außerdem ist ein Buch, das dem Leser keine Fragen stellt, kein gutes Buch.

    Schade, dass nur noch ein Kapitel kommt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s