Fantasy Geschichte – Part 2

Inhaltsverzeichnis

„Die Stelle erscheint mir optimal. Leute, wir sind fertig für heute.“

Wie auf Kommando ließen die anderen drei gleichzeitig ihr Gepäck von ihren Schultern gleiten.

Die Gefährten waren noch ein paar Stunden weiter durch den Wald gewandert, zwar mit der gleichen Geschwindigkeit wie vorher, aber einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Der Tag hatte sich immer weiter dem Ende geneigt und Dylaan beschloss nun das Lager aufzurichten, bevor der Wald in das düstere Zwielicht des frühen Abends getaucht werden würde.

Für einen potentiellen Beobachter, den es diesmal aber nicht gab, würde die Gruppe sehr eingespielt erscheinen. Dylaan gab kurz ein paar Anweisungen und nur kurze Zeit später war das Lager errichtet, ein Feuer brannte und die vier hockten gemütlich, noch einen frisch gefangenen Hasen grillend, zusammen.

Fakt ist allerdings, dass sie sich in dieser Konstellation erst seit heute Vormittag kannten. Dylaan, Rico, und Bjarne zogen schon einige Jahre zusammen durch die Städte und Dörfer um sich etwas Geld zu verdienen. So hatte sich das Trio die letzten Wochen in Kronsen, eine der größeren Binnenhafenstädten, aufgehalten. Jetzt war die Kasse wieder aufgefüllt und die Lust, etwas Neues zu erleben, hatte alle drei gepackt. Also hatten sie sich, wie es die Tradition erforderte, am Morgen in einer Kneipe getroffen, um das weitere Vorgehen mithilfe einer Landkarte und drei großen Bier zu besprechen.

„Passt auf Männer, der nächste Ort wäre Lenbruck, hier, etwa eine Tagesreise Richtung Süden. Allerdings…“ – „Lenbruck? Das ist ja wohl ein Witz. Bjarne, erinnerst du dich noch, als wir das letzte Mal dort aufschlugen? Nein, nie wieder.“ – „Ja… genau, deswegen wollte ich auch vorschlagen, dass wir uns in Richtung Nordwesten halten. Schaut, dort liegt Keluro, etwa zwei, wenn wir uns ranhalten eineinhalb Tagesreisen von hier entfernt. Dort waren wir bisher noch nicht gewesen. Was sagt ihr?“ Rico und Bjarne nickten langsam. „Keluro… Hab ich schon von gehört… Könnten wir ausprobieren…“

„Ihr hättet nicht zufällig etwas gegen einen Begleiter?“

Die drei blickten gleichzeitig höchst verwirrt in Richtung der Stimme. Vor ihnen stand ein junger Mann mit blonden Locken und der Kleidung eines Seemannes. Sich setzend fuhr er fort: „Mein Name ist Chris. Ich hatte bis vor ein paar Tagen auf dem Handelsschiff Fair Fangold gedient, wurde ausbezahlt und suche nun nach Gelegenheiten, hier raus zu kommen.“

Dylaan nickte kurz, dann drehten er und die anderen beiden sich von Chris weg und steckten die Köpfe zusammen.

„Ich denke, das hier wird sich schnell klären. Dylaan, du denkst doch sicher nicht einen Moment darüber nach, diesen Grünschnabel mitzunehmen!“ Rico wollte sich schon wieder umwenden, doch Dylaan winkte ihn zurück. „Ich weiß nicht. Der Kleine hat eine Art, die mir gefällt. Er scheint zu wissen, was er will und seinen Weg zu gehen. Vielleicht sollten wir ihm eine Chance geben.“ – „Ja natürlich. Draußen sitzen auch noch ein paar arme Bettler und Witwen, die Hilfe benötigen, die sollten wir auch noch durchfüttern. Dylaan, dieser Junge wird uns nur ein Klotz am Bein sein.“ – „Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Das wissen wir nur, wenn wir es probieren. Wir können ihn ja bis nach Keluro mitnehmen, dann sind wir ihn übermorgen wieder los.“ Rico rollte mit den Augen. „Ich sage nein. Wir haben noch nie jemanden mitgenommen! Es hieß immer nur wir drei, du, Bjarne und ich. Wo soll da noch Platz für diesen Chris sein?“ – „Es hat uns auch noch nie jemand so direkt gefragt. Wie gesagt, seine Art imponiert mir. Bjarne, was sagst du dazu?“ Dieser zuckte nur mit den Schultern. „Weiß nicht… vielleicht?“ – „Wir könnten“, schlug Dylaan vor, „ihn noch etwas aushorchen und dann entscheiden.“

Sie drehten sich wieder zurück.

„Du heißt also Chris?“ – Dieser nickte. „Gut, also Chris. Wie lange hast du auf diesem Schiff gearbeitet?“ – „Insgesamt 5 Jahre.“ – „Und als was?“ – „Zunächst natürlich als Schiffsjunge, doch die letzte Zeit war ich Bootsmann.“ – „Bootsmann? Nach fünf Jahren? Wie alt bist du eigentlich?“ – „20 Jahre.“ – „Und Bootsmann? Erzähl uns etwas anderes, Kleiner, wir…“ – Er stockte, als Chris ihm ein Zeugnisschreiben seines Kapitäns vors Gesicht hielt. „Bootsmann. Schwarz auf weiß. Ich lüge euch nicht an.“ Dylaan schluckte einmal. „Tatsächlich… Und, wieso bist du dann hier?“ – „Ich habe meine Gründe.“

Chris wurde während der gesamten Unterhaltung nicht unsicher, seine stahlblauen Augen blickten Dylaan an, ohne zu flackern oder auszuweichen.

„Du hast deine Gründe… gut.“ Dylaan winkte noch einmal, dann drehten sich die drei wieder von ihm weg. „Was sagt ihr?“ – „Ich bin mir immer noch nicht sicher…“ – „Ich mir dafür umso mehr. Rico, zwei Tage, dann sind wir ihn wieder los. Bjarne, was sagst du?“ Dieser nickte. „Doch, wir sollten ihn mitnehmen. Bootsmann. Das ist wirklich mehr als beeindruckend. Ich glaube, ich habe noch nie mit einem Bootsmann geredet.“ – „Gut, dann ist es beschlossen.“ Rico nickte auch. „Einverstanden. Zwei Tage.“

Und sie drehten sich Chris wieder zu.

„Willkommen Chris. Ich würde sagen, du packst jetzt schnell deine Sachen, in einer Stunde geht’s los.“

Einige Stunden später saßen die vier Gefährten zusammen an einem Feuer und aßen einen frisch erlegten Hasen. Zunächst kauten sie schweigend, doch nach und nach ergab sich ein Gespräch und nur kurze Zeit später wurden wieder einmal Geschichten aus der Vergangenheit zum Besten gegeben.

„Nein, nein, Dylaan und Bjarne kennen sich ewig. Sie waren irgendwie Nachbarn oder so etwas. Ich kam erst später dazu. Ich erinnere mich genau, wir waren noch etwas jünger als du jetzt. Ich lebte damals zusammen mit meiner Familie auf einem kleinen Hof in einem Weiler mit vielleicht vier bis sechs anderen Familien. Unser Land war sehr fruchtbar, deswegen ging es uns allen sehr gut, außerdem waren wir ziemlich fleißig. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass mein Vater das Oberhaupt in unserem Weiler war, alle hatten Respekt vor ihm.

Ich war etwa sechzehn Jahre alt. Es wurde schon dunkel, wir hatten bereits die Tiere herein geholt und wollten gerade zu Bett gehen. Ich erinnere mich genau, mein kleiner Bruder und ich schliefen oben im Haus, direkt unter dem Dach. Unsere Betten waren eher bessere Strohhaufen, aber ich habe sie als sehr bequem in Erinnerung. Ich lag an der Walmseite des Daches. Dort war nämlich ein kleines Loch in der Wand, von wo aus ich immer die Menschen auf dem Platz beobachten konnte, bis ich dann eingeschlafen war.

Diesen Abend aber nicht. Aus irgendeinem Grund wollte mein kleiner Bruder heute unbedingt bei mir im Bett schlafen und ich war damit beschäftigt, ihn davon abzuhalten. ‚Wieso denn nicht?‘ – ‚Darum, du hast dein eigenes Bett.‘ – ‚Bitte, nur heute!‘ – ‚Nein!‘  So ging es ständig hin und her, als wir plötzlich ein lautes Rufen vernahmen. Wir zuckten zusammen. ‚Siehst du‘, zischte ich. ‚Mutter hat uns gehört. Das hast du nun davon.‘ Doch es hörte nicht auf. Im Gegenteil, es wurde lauter. Ich stutzte. Dann bemerkten wir, dass es gar nicht aus dem Haus kam, sondern von draußen.

Sofort stürzten wir uns auf mein Bett um hinauszuschauen.

Wir sahen überall fremde Männer auf Pferden und mit Fackeln. Sie trieben unsere Nachbarn zusammen, zündeten ihre Häuser an. Mir wurde klar: wir mussten hier raus. Ich packte meinen Bruder am Arm und eilte runter.

Schon auf der Treppe bemerkte ich, wie Vater versuchte, das Eindringen fremder Männer zu verhindern.

‚Schnell!‘, hörte ich Mutters Stimme aus dem Wohnraum. Wir liefen zu ihr. Gleichzeitig vernahm ich ein lautes, röchelndes Aufschreien meines Vaters. Mutter drückte mir unsere kleine Schwester in die Arme, öffnete eine Tür und schob uns schnell hinaus. Wir drei standen also jetzt hinterm Haus, direkt am Wald. Mein Bruder und ich sahen uns an, dann liefen wir los.“

„Und, was ist aus ihnen geworden?“, fragte Chris gespannt.

Rico schüttelte den Kopf. „Ich war für sie verantwortlich, hätte besser aufpassen müssen…“

„Wir fanden ihn alleine im Unterholz“, setzte Dylaan ein. „Er zitterte am ganzen Leib, war bedeckt von blutenden Wunden und Dreck. In den Armen hielt er ganz fest eine alte Puppe, wohl von der Schwester.“

Rico schaute nur noch stumm unter sich.

„Bis hier hin kennen wir die Geschichte“, meinte Dylaan später zu Chris. „Er erzählt sie immer wieder. Jedoch nie weiter bis zu dieser Stelle.“

Sie schauten zu ihm rüber. Er saß immer noch am Feuer, den Blick gesenkt. Bjarne saß neben ihm und warf regelmäßig Holzscheite nach.

„Was ist eigentlich mit dir?“, fragte Dylaan plötzlich. – „Inwiefern?“ – „Na ja, was ist deine Geschichte? Wo kommst du her?“ – „Sagte ich doch bereits. Ich arbeitete auf einem Handelsschiff.“ – „Ja, das sagtest du. Aber… du hast mit Sicherheit dort nicht so kämpfen gelernt, oder?“ Chris schmunzelte. „Da kämpfen? Oh nein, das nicht. Das… das waren Erinnerungen… Erinnerungen aus einem anderen, einem vergangenen Leben.“ Dabei lies er es bewenden. Dylaan schaute ihn noch länger in die Augen, nach einer Antwort forschend, gab es aber auf und stand auf. „So Männer, morgen geht’s früh weiter, wir wollen schließlich ankommen. Besser, wir gehen jetzt schlafen.“

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Ein Gedanke zu „Fantasy Geschichte – Part 2

  1. Fragen, die sich mir als Leser stellen (nicht zur Beantwortung, sondern dass du weißt, was im Hirn des Lesers vorgeht … zumindest in meinem :P):

    Chris schaltet sich ein, nachdem er das Wort „Keluro“ gehört hat … ist das Zufall? Oder muss er genau dahin? Wenn ja, warum, was erwartet ihn dort?

    Wenn der 20-jährige Chris ein „Grünschnabel“ und „Kleiner“ ist – wie alt sind dann Rico, Byarn und Dylaan? Ich hatte sie auch für übermütige Jungspunde oder mindestens Männer in den besten Jahren (wenn man damit bis Anfang 30 bezeichnet) …

    „Chris wurde während der gesamten Unterhaltung nicht unsicher, seine stahlblauen Augen blickten Dylaan an, ohne zu flackern oder auszuweichen.“ –> der Autor schafft ganz bewusst einen bestimmten Typ. Selbstsicher auftretend, insgesamt offen aber auf bestimmten Gebieten extrem verschlossen, mit anderen Worten: geheimnisvoll, und in diesem Fall jung, dynamisch und erfolglos .. ach nein, das war ja was anderes.
    An so einen Charakter knüpfen manche Leser (wie ich) große Erwartungen. Wird er halten, was er verspricht?

    Jedoch nie weiter bis zu dieser Stelle.“ – da fehlt ein „als“

    Und dann der Schluss! So gut! Zwischendurch Byarns Tragödie, deren Auflösung mich sicherlich interessieren würde, allerdings lange nicht mit einer solch brennenden Neugier wie Chris „vergangenes Leben“. Byarnes Episode gibt auch den anderen 3en einen ernsthafteren Untergrund, auf dem die Figuren stehen können, wirkt für mich wie eine weitere Charakterisierung, nicht wie ein weiterzuspinnender Faden. Ich kann mich irren, wie gesagt, das sind einfach nur meine noch nicht weiter ausgewerteten Gedanken dazu …
    Das? Das waren Erinnerungen … einfach super!!!

    Ach ja, und insgesamt – unter Berücksichtigung der Vorbemerkung von wegen Fantasy und doch nicht – würde ich das ganze als Mittelalter empfinden und einstufen. Also als „mittelalterähnlich“ 🙂

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