Der Lesenden Klage

„Ich lese gerne.“

Ja, Bücher verschlang sie zu Hauf. Kleine Bücher, große Bücher, dicke Bücher, dünne Bücher. Moderne, klassische, bekannte, unbekannte, einfach geschriebene, kompliziertere, Romane, Sachbücher. Und manchmal die Sekundärliteratur dazu. Also, jedenfalls bis vor etwa ein Jahr. Im Moment hängt sie an einem dicken Buch. Seit über einem Jahr. Liest immer mal wieder ein paar Seiten, legt es wieder weg, nimmt es wieder hervor. Ab und an. Mit der Menge, wie sie vor einem guten Jahr gelesen hat, hat das nichts mehr zu tun.

Wieso eigentlich? Zeit, sagt sie sich. Und es stimmt. Es gibt Dinge im Leben, die erfordern Zeit. Der Job, Familie, Freunde, andere Hobbys. Doch das ist nicht alles. Wenn sie so drüber nachdenkt, ließe sich Zeit zum Lesen finden. Nein, Lesen ist auch irgendwie anstrengend geworden. Vor einem Jahr, da verschlang sie Romane in Nullkommanichts. Klassische Literatur wie Effi Briest oder Don Carlos waren etwas zäher zu lesen, aber nichtsdestotrotz verständlich, interessant und auch relativ schnell gelesen. Und jetzt sitzt sie seit einem Jahr an ein und demselben Buch, liest selten mehr als ein Kapitel auf einmal.

Sie überlegt, ob sie wirklich noch gerne liest. Ob dieser Satz einen Zustand beschreibt der ist oder der war. Ob das Ganze nicht eher heißen sollte:

„Ich las gerne.“

Oder, denkt sie, vielleicht verklärt sie auch die Zeit bis zum letzten Jahr zu sehr. Vielleicht ist das Lesen gar nicht anstrengender geworden. Vielleicht fehlt nur der Vergleich, weil sie die letzte Zeit so wenig gelesen hat und nicht mehr so genau weiß wie es damals war. Aber dann schaut sie wieder auf ihr Regal, das sich sonst regelmäßig füllte und nun schon seit einiger Zeit einen bedenklich statischen Ist-Zustand eingenommen hat.

Nein, sie kann nicht behaupten, dass sie in der letzten Zeit gerne gelesen hat. Und sie spinnt den Gedanken weiter.
Kann ich denn überhaupt noch so lesen, wie damals?, fragt sie sich. Damit ist mehr gemeint, als lesen, eher, ein Buch erfassen zu können. In seiner Gesamtheit und seinen Details. Die Nuancen zwischen den Zeilen, genauso wie das, was klar heraus gesagt wird. Dazu Metaphern, Bilder, Andeutungen. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso das Lesen für sie so anstrengend ist. Weil sie noch in Ansätzen lesen kann, aber nicht mehr richtig. Weil sie versucht, alles zu verstehen, es aber nicht wirklich hinbekommt. Weil sie weiß, dass das Bild, das mehr sagt als tausend Worte, nicht nur mit Pinselstrichen, sondern auch mit wenigen Worten gemalt sein kann.

Diese Gedanken machen sie zunächst traurig. Doch das will sie nicht. Und deshalb beschließt sie, ihr altes Hobby wieder hervorzuholen, zu entstauben und zu polieren. Wieder lesen zu lernen. Sie lächelt und meint, nun hoch motiviert:

„Ich werde gerne lesen.“

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7 Gedanken zu „Der Lesenden Klage

  1. Ich hatte mal eine Zeit, wo ich nicht mehr lesen konnte, aber mehr aus privaten Problemen heraus. Hat sich aber wieder mehr gelegt und ja, Zeit. Man muss sich wirklich einfach die Zeit nehmen. Internet, Job, Studium, eigentlich reicht es eines davon um Full-time beschäftigt zu sein. Die Prioritäten müssen geklärt sein.
    Ich hätte niemals aufs Lesen verzichten sollen, dennoch ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich das aufschiebe, das, was ich liebe 🙂
    liebe grüße

    • Gern geschehen. 🙂 ich kenn das ja auch von mir, man freut sich über jeden einzelnen netten Kommentar, den man auf seine Seite bekommt.
      Und deinen anderen Blog schaue ich mir die Tage gerne mal an! 🙂

  2. „Es gibt nichts schöneres, als allein sein zu dürfen. Es gibt nichts schlimmeres, als allein sein zu müssen.“
    ein, wie mir scheint, sehr weiser Spruch
    hallo mal wieder 🙂
    liebe Grüße

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