Lautstark

Es gingen drei Personen, wohl Freundinnen, zusammen eine Straße entlang. Sie unterhielten sich über das Wetter, darüber, dass es regnet. Aber nicht genug um einen Schirm aufzuspannen. Dabei hatte die eine doch extra einen Schirm dabei und wollte ihn eigentlich aufspannen, weil er noch ganz neu war und sie ihn noch nie benutzt hatte. Und dann feixten sie ein wenig, ob sie denn nach jedem Regen einen neuen kaufen würde, um immer einen unbenutzten einweihen zu können. Und dass Schirme an sich ja eher nicht unbedingt teuer sind.

Es waren ganz normale Belanglosigkeiten, Smalltalk. Eine von ihnen, die ganz links lief, grinste auf einmal. „Dazu fällt mir eine lustige Geschichte ein!“, fing sie an. „Ich war vor ein paar Jahren, als ich so 18 oder 19 war, mit ein paar Freundinnen auf einem Konzert. Die eine war schon was früher da, deshalb standen wir auch ziemlich weit vorn in der Schlange.“ Sie war sich während dem Redens schon bewusst, dass sie vielleicht zu lange brauchte um auf den Punkt zu kommen. Und auch der Zusammenhang noch nicht ganz klar war. Deshalb beeilte sie sich, weiter zu reden. „Naja, jedenfalls war das Wetter auf einmal ziemlich schlecht. Und es fing an zu Regnen. Ich ging dann nochmal zum Auto um einen Schirm zu holen. Das war auch so ein kleiner von meinem Vater. Aber ein ziemlich guter, teurer…“ Sie hatte auf einmal das Gefühl, mehr zu sich selbst als zu ihren Begleiterinnen zu reden. Beziehungsweise sogar an ihr selbst vorbei, eher eine Art Reden um des Redens willen. Und sie schaute kurz zur Seite. Die, die neben ihr, in der Mitte, lief, schaute nun die ganz rechts außen an und meinte zu dieser: „Und wenn wir nachher bei dir sind, gehen wir dann essen? Und wohin?“ Die, die links lief, schaute wieder nach vorne. Und hörte vollends auf zu reden. Ohne die Pointe erzählt zu haben, den Zusammenhang klar gemacht zu haben. Und die anderen bemerkten es nicht einmal. Fragten nicht nach. Keiner fragte: „Was wolltest du erzählen? Ich hab dir zugehört. Du warst doch noch nicht fertig.“ Nein, die anderen beiden unterhielten sich noch ein wenig darüber weiter, was sie nachher tun wollten, während die, die links lief, still blieb. Bis zu dem Punkt, wo sich ihre Wege vollends trennten. Da verabschiedete sie sich. Und das war’s.

Wieso? Wieso haben manche Menschen solch ein Auftreten, dass, sobald sie reden, alle um sie herum still werden und zuhören. Und andere fangen an zu reden. Und merken nach einem Satz, dass niemand zuhört. Oder dass nach ein paar Sätzen die ursprüngliche Aufmerksamkeit verloren gegangen ist. Dass sie sogar mitten im Satz das Reden unterbrechen können und es den anderen egal ist. Dass niemand wissen will, was sie zu sagen haben. Auch wenn es vielleicht interessant, lustig oder wissenswert gewesen wäre.

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Dieser Gedanke schoss mir bereits ein paar Tage durch den Kopf, als ich auf ein Webcomic stieß, dass die Thematik ebenfalls aufgriff (und dessen Titel ich ganz dreist kopierte, da ich ihn so schön treffend fand):

http://www.temel-art.de/wordpress/2012/10/lautstark/

Muss denn das Auftreten, das Sich-verkaufen, wichtiger sein, als das, was man eigentlich sagen will? Muss man laut sein, oder wenigstens lauter als der Rest, um gehört zu werden? Und wenn man das gar nicht möchte? Muss man dann damit leben, übergangen zu werden?

Ich hoffe nicht.

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8 Gedanken zu „Lautstark

  1. Ich mag deinen Stil.
    Am Anfang hat es mich gestört, dass es immer hieß: die, die links lief. Aber als es dann zum soundsovielgen Mal wiederholt wurde, war es plötzlich gut und nötig. Es hat die Anonymität der Figur unterstrichen, dass sie so untergeht zwischen den anderen bzw. nicht dazugehört. Guter Kunstgriff. Geht mir bei großen Autoren auch manchmal so, dass mich was erst stört und nachher stell ich fest: muss so sein. Gehört einfach da hin.

    Aber keine Angst – ich werd auch kritsieren. Du musst mir nur erst Angriffsfläche bieten 😉

  2. Jetzt werde ich nie erfahren, was die Pointe war…
    Aber im Ernst: Ein und derselbe Mensch kann je nach dem sozialen Umfeld einmal derjenige sein, dem nicht zugehört wird, und dann derjenige, der ignoriert. Letztlich eine Frage der Machtposition in der konkreten Konstellation.

    Schöner Text (ich hätte aber nach dem dritten Absatz aufgehört). Erinnert mich in verschiedener Hinsicht an die Geschichten vom Herrn Keuner (ich hoffe, dass das kein Vergleich ist, der von Ignoranz zeugt oder bei dir zu Missvergnügen führt).
    Andreas

    • Tja, die Pointe könnte ich mitteilen, aber das wäre zu einfach, meinst du nicht? 😉
      Du magst mit deiner Beobachtung recht haben, ich bemerke allerdings, dass es oft die gleichen sind, die überhören bzw. die überhört werden. Aber das halt bloß aus einer ziemlich subjektiven Sichtweise, ich kann ja Situationen nicht aus den Augen anderer sehen. Vielleicht nehmen diese das alles ganz anders wahr?!
      Und ja, der eigentliche Text war auch nach dem dritten Absatz beendet. Jedoch wollte ich den Bezug zu dem Webcomic gerne herstellen. Vielleicht trenne ich die beiden Absätze optisch?! 🙂
      Und, zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dieses Werk von Herrn Brecht nicht gelesen habe. Von daher kann ich nicht sagen, inwieweit der Vergleich treffend ist oder nicht. Sollte ich dieses Versäumnis noch nachholen?
      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!

      • Es wäre ja ein Fehler, die Pointe zu erwähnen. Das Unaufgelöste bringt den Leser ja vielleicht dazu, Dinge zu denken, die sich der Autor selbst nicht vorstellen konnte (aber das weißt du ja selbst…). Es bleibt dann auch so eine Dissonanz beim Lesen, die dazu führt, dass man die Geschichte nicht so schnell aus dem Kopf bekommt… (das war wohl auch der Grund für meine Brecht-Assoziation).

        Ob man die Keuner-Geschichten lesen muss? Weiß nicht… Unter http://www.netslova.ru/perevody/bertolt_brecht.html gibt es eine kleine Auswahl, die die Entscheidung vielleicht erleichtert (link schnell ergoogelt). Ich bin ansonsten kein großer Brecht-Freund, aber diese Geschichten und einige seiner Gedichte bringen mich seit Jahrzehnten zum Grübeln.

        Liebe Grüße aus Berlin,

        Andreas

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