In Tagebucheinträgen – 6. Eintrag

Inhaltsverzeichnis

55. Tag – Mittwoch, 30.10.2917

Ich fasste einen Entschluss. Auf dem Fest vor zwei Tagen. Es ist erst zwei Tage her. Und es ist schon wieder so viel passiert…

Nach meinem letzten Eintrag klappte ich mein Tagebuch zusammen, stand auf und machte mich für das Fest fertig. Ich erinnere mich noch, wie verwirrt ich war. Wie betäubt. Doch trotzdem ich noch wie benebelt war, freute ich mich ein wenig darauf, endlich wieder unter Menschen zu sein. Und darauf, von Locur abgeholt zu werden. Zwischen meinen Gefühlswirren tauchten jedes Mal seine blauen Augen auf und brachten mich zum Schmunzeln.

Irgendwo in meinen Sachen fand ich ein einigermaßen hübsches Gewand, was ich schon seit langem nicht mehr tragen konnte. Lächelnd streifte ich es über und betrachtete mich im Spiegel. Ich wollte heute hübsch sein. Und in diesem Moment fasste ich dann auch den Entschluss, die Geschichte mit den Caradics hinter mir zu lassen. Nicht mehr daran zu denken. Zu vergessen. Hier und jetzt ein neues Kapitel anzufangen. Und dazu kam mir das Fest heute Abend gerade richtig.

Es war gegen Abend, als es an meiner Tür klopfte. Ich war total aufgeregt, als ich sie öffnete. Ich erinnere mich daran, wie ich den gesamten Nachmittag immer wieder durchs Zimmer lief und mir Gedanken machte, ob ich denn das richtige anhatte. Ob meine Haare richtig lagen. Und wie ich mich am besten verhalten würde. Jedenfalls öffnete ich die Tür und –

Für mich stand die Zeit still. Wie angewurzelt stand ich da, nicht fähig etwas zu sagen, mich zu bewegen oder zu atmen. Ich starrte einfach nur Locur an. Bis es mir selbst peinlich wurde.

Er hatte ein eher kantiges Gesicht, das aber nicht hart wirkte, hellbraune bis dunkelblonde gesträhnte Haare und lächelte. Und was für ein Lächeln das war! Ich fand noch vor ihm die Sprache wieder und stottere ein Leises: „Oh… hallo… Locur?“ Dann blinzelte er und nickte. „Ja… Guten Abend Violetta.“ Dann lächelte er mir zu, bot mir seinen Arm an und wir gingen gemeinsam hinunter.

Die nächsten Stunden erlebte ich wie im Rausch. Benebelt zunächst von meinem wunderschönen, galanten Begleiter, dann von der Stimmung und Atmosphäre in der Stadt. Ich schwamm in einem Meer aus Menschen, überall Lichter, Feuer, Gelächter, Freude. Alles zog in Windeseile an mir vorbei. Wollte ich einen Moment fassen, kam schon der nächste. Grell wie ein Blitz tauchte er auf. Bunt, ein Ozean aus Farben. Laut, ein Rauschen an Worten und Gelächter. Es fühlte sich an, als würde ich fliegen, mich dabei immer wieder um mich selbst drehen, unhaltbar.

Dann fand mich schließlich mit einem Kelch Wein an einem riesigen Lagerfeuer sitzend wieder. „Das Leben war schön. Endlich. Wieder“, dachte ich, lächelte und trank einen großen Schluck.

Dann öffnete ich mich zum ersten Mal den gesprochenen Worten. Meine Trance ließ langsam nach. De Bilder, die ich wahrnahm, nahmen auf ein Mal handfeste Forman an. Ich erkannte, dass andere Menschen mit mir um dieses Feuer versammelt waren. Sogar gar nicht mal so wenige. Neben mir Locur, auf der anderen Seite ein älterer Mann mit einem langen weißen Bart. Langsam klarten sich auch ihre Worte in meinen Ohren auf. Sie schienen immer klarer zu werden, immer näher zu kommen. Bis ich mich nun auf das Gespräch konzentrieren konnte.

Es drehte sich natürlich um die Caradics.

Mit einem Mal kamen alle Erinnerungen wieder zurück. Und alle Gefühle. Ich wundere mich im Nachhinein wieso ich den Vormittag so… ja, so… beinahe kalt war. Ich hatte keinen Moment an die letzten Wochen gedacht, an die letzten Stunden, aber jetzt… Wie eine Wucht schlugen die Bilder zurück in meinen Kopf. Wie sie mich wochenlang ignorierten. Zueinander so nett waren. So menschlich. Und wie sie nun geschlagen, verletzt, ja sogar zum Teil tot waren. In mir bahnte sich ein starkes Gefühlschaos an, diesmal jedoch nicht mehr unterdrückt von einer Taubheit oder dem Schock.

Dann merkte ich, wie mich jemand anstieß und so aus meinen Gedanken riss. Es war der Mann, der neben mir saß. Er war fröhlich, hatte auch bereits einiges getrunken, wie es schien. „Und du bist ein ganz, ganz ein mutiges Ding!“ Ich sah ihn verwirrt an. „Ja, dass du hier so sitzen kannst… du so gut aussiehst, nach der Tortur die du durchstehen musstest! Immer den Tod vor Augen!“ Ich blickte noch verwirrter, sagte nichts. „Naja, man hört doch, dass sie häufiger junge Mädchen entführen und dann kochen oder so. Ich weiß nicht mehr genau. Wart ihr am Anfang vielleicht noch mehrere?“ – „Nein…“, stotterte ich, „ich war alleine…“ – „Wahnsinn, ganz ein mutiges Ding!“ Die anderen drum herum stimmten ein. „Naja, nur gut, dass wir sie jetzt haben. Waren ja einige.“  – „Ich freu mich schon, morgen kann man sicher zum Marktplatz kommen und einmal ihre hässlichen Fratzen bestaunen, bevor sie weggebracht werden.“ – „Ich frag mich, wie’s auf ihrem Schiff aussieht. Sicher total dreckig. Ich frag mich sowieso, wie die in der Lage sind, so eins zu steuern.“ Meine Augen wurden immer größer. Ich weiß noch genau, wie es in mir brodelte. Wie ich innerlich auf einmal so zerrissen und so voller Gefühle war. Und wie einer der zuletzt gesprochenen Sätze mir immer wieder durch den Kopf ging. Vom Gespräch bekam ich eine Zeitlang wieder nichts mit, weil ich so mit mir beschäftigt war.

Dann drehte ich mich ein wenig zu Locur,  der sich auch köstlich amüsierte, und fragte: „Du, Locur? Was passiert denn jetzt mit den Caradics?“

Er war gerade am Lachen, und im Nachhinein kann ich sagen, dass er wundervoll aussah, als er seinen Kopf zu mir drehte. Doch das ist mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst aufgefallen. „Naja“, sagte er, „wie gesagt, morgen werden sie auf dem Marktplatz ausgestellt. Und dann werden sie wohl gegen Abend oder spätestens am nächsten Morgen in die Hauptstadt gebracht werden.“ – „Und dann? Was passiert dort mit ihnen?“ – „Keine Ahnung. Vielleicht werden sie einfach nur irgendwie hingerichtet oder so. Kann mir aber auch vorstellen, dass die Wissenschaft einen genaueren Blick auf sie werfen will.“ Dann zwinkerte er kurz, und stieg wieder ins Gespräch mit den anderen Männern ein.

In mir drin tat es einen Satz. Das Brodeln und der Kampf meiner Gefühle wurden immer stärker. Ich hatte absolut das Bedürfnis, aufzustehen und wild umherzulaufen, um mich abzureagieren. Ich blieb jedoch ruhig sitzen und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.

Ich dachte daran, dass ich mir geschworen hatte, immer das Gute zu sehen. Jedem eine Chance zu geben. Auch den Caradis. Dann daran, wie sie mich behandelt hatten. Wie sie mir diese Chance verwehrten. Wie ich einsam war, voll von inneren Schmerz. Dachte an den Hass, der sich ab und an in mir gezeigt hatte. Dann, wie liebevoll sie zueinander waren. Und dass ich niemals Angst vor ihnen zu haben brauchte.  Dass sie mich nie getötet hätten. Mich nie ausgestellt, hingerichtet, oder an mir experimentiert hätten.

Ja, ich war ihnen nicht mehr so sehr wohlgesonnen wie zu Beginn meiner Reise.

Aber nein, ich wünschte ihnen in keinem Falle den Tod oder Schlimmeres.

Ich wünschte, sie müssten diesen Weg nicht gehen.

Und dachte mir: wenn ich es schaffe, sie da raus zu holen, vielleicht hören sie dann auf, mich zu ignorieren.

Ich wollte einen Schlussstrich ziehen. Aber noch ging das nicht…

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Ein Gedanke zu „In Tagebucheinträgen – 6. Eintrag

  1. Jawoll! Sehr gut, sehr gut, du hast meine Frage beantwortet.

    Oh mann! Irgendwie ist es ganz schön blöd, ein Buch zu lesen, dass noch nicht fertig ist! Sozusagen grauselig.
    Was wird sie jetzt unternehmen? Nein, verrate nichts. Aber bleib am Ball.

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