Überdacht

Eigentlich möchte ich Anna-Maria nur mal fragen, ob sie mal mit auf den Flohmarkt kommen möchte. Klingt eigentlich ganz einfach. Ist es aber nicht.

Dafür müsste ich sie nämlich fragen. Dazu müsste ich mir zunächst überlegen, wann ich sie diesbezüglich frage. Und wie. Nicht, dass ich einen blöden Moment erwische und sie mich falsch versteht. Nein, dann würde sie ja direkt ablehnen und ich hätte meine Chance vertan.

Allerdings… vielleicht wartet Anna-Maria auch darauf, dass ich sie mal anspreche. Dass ich sie dazu einlade, mich mit auf den Flohmarkt zu begleiten. Ich hab ihr ja schon öfter davon erzählt wie toll es da ist und was man da alles machen kann, wie begeistert ich jedes Mal bin. Aber, hätte Anna-Maria mich dann nicht schon von sich aus darauf angesprochen? Oder hat sie gedacht, sie wartet bis ich frage? Oder fragt sie nicht, weil sie gar nicht mit will und hofft still, dass ich auch nie fragen werde? Also, soll ich nun einfach fragen, oder eben doch nicht?

Und wenn ich Anna-Maria nun fragen würde, würde sie mir dann wirklich sagen, was sie denkt? Ganz unvoreingenommen? Auch wenn es ein „Nein, ich möchte nicht!“ wäre? Oder würde sie sagen „Ja, klar, gerne!“ aber genau das Gegenteil meinen? Und wenn Anna-Maria mit „Ja“ antwortet, weiß ich dann, ob sie’s so meint oder doch ganz anders? Und wieso würde sie es anders meinen? Nicht dass ich sie durch diese Frage zu sehr in die Enge treibe und sie meint, mir einen Gefallen tun zu müssen! Oder ich sie gar irgendwie verletze oder unnötig aufwühle!

Nein, ich frag Anna-Maria besser erst einmal noch nicht.

Und wenn sie sich doch freuen würde, wenn ich sie fragen würde? Wenn sie das „Ja“ aus vollem Herzen und ernst meinen würde? Wäre es dann nicht eine Schande, nicht gefragt zu haben?

Im Endeffekt gibt es sowieso nur zwei Optionen, nämlich dass Anna-Maria mitkommt oder eben nicht. Da ändern auch alle Argumente nichts dran. Wieso kann ich also nicht einfach nur fragen, einfach so? Wieso muss ich mir dann so viele unnötige Gedanken machen? So viele Fälle und Möglichkeiten bedenken? Die wahrscheinlich eh nie eintreffen. Die Realität wird sowieso ganz anders ausschauen. Eventuell wird mir in dieser bei ihrer Antwort einfach nur ein Stein vom Herzen fallen und es ist alles ganz einfach. Aber bin ich nun, aufgrund meine vielen, vielen Gedanken, noch mutig genug es einfach auszuprobieren?

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10 Gedanken zu „Überdacht

  1. Ist das stilistisch gewollt dass das übermäßig lange und ungewöhnliche „Anna-Maria“ einen immer wieder aus dem Leserythmus reißt. Ich bin jetzt aber auch nicht gewollt dass in „Deutsch-Grundkurs-Manier“ ins lächerliche abgleitend zu analysieren.

    • Ist eigentlich nicht beabsichtigt. Das sollte einfach ein nichtssagender Allerweltsname sein. Der ein wenig modern und jung klingt. „Anna“ ist der häufigste weibliche Vorname die letzten Jahre, und „Maria“ der häufigste Zweitname.

      • Lustig – das gleiche, was Melmir aufgefallen ist, ist mir beim ersten Lesen auch aufgefallen. Dafür, dass es nicht gewollt ist, finde ich es richtig gut, ich wollte auch schon fragen, wie du auf diesen Namen gekommen bist. Anna-Maria, das hat Rhythmus, das hat … weiß nicht. Ein gewisses Eigenleben. Eigenrhythmus eben!
        Ich finds jedenfalls gerade gut.
        Du benutzt den Namen übrigens sehr oft (öfter als üblich) – deshalb hab ich nämlich gedacht, dass das Absicht war. Dass es keine Absicht war, beweist: Du hast Gefühl für die Sache!

      • Zur Cunning Snake:
        Ja, der Rhythmus war eben doch beabsichtigt. Und dass er so ungewohnt häufig vorkommt. Hab ihn nach dem ersten Verfassen noch ein paar mal mehr reingehauen.
        Er sollte aber nicht negativ den Lesefluss behindern.
        Halt schon wie ein eigener Name klingen und die Person herausstellen. Schon den Leser auf diese Person praktisch stoßen. Von ihr reden, als würde er sie kennen, als müsste man sie kennen. Obwohl man sie nicht kennt. Aber dabei nicht ungewöhnlich oder selten klingen. Als könnte es halt jeder sein. Und dadurch „kennt“ man sie ja eigentlich doch 😉

  2. Hm und ein breites Grinsen (also die beiden Sachen gleichzeitig, falls man sich das vorstellen kann?) – das war meine erste Reaktion.
    Inhalt: Top! Wenn ich nicht wüsste, dass ich diesen Text nicht (!) selbst geschrieben habe, dann könnte ich es glatt denken. Auch sehr gut eingefangen.
    Eine Anmerkung hab ich: Folgender Teil gefällt mir nicht so ganz: „Oder würde sie sagen “Ja, klar, gerne!” aber genau das Gegenteil meinen? Und wenn Anna-Maria mit “Ja” antwortet, weiß ich dann, ob sie’s so meint oder doch ganz anders? Und wieso würde sie es anders meinen?“
    Die ersten beiden Fragen sind doppelt-gemoppelt. Meiner Meinung nach. Einen davon kannst du einfach weglassen, du hast es eben schon gesagt. Das war die Stelle, an der ich hängenblieb und dreimal überlegen musste – behindert also den Lesefluss, diese Zweifach-Nennung. (Falls dahinter noch eine tiefere Absicht steckte oder du mit den beiden Fragen unterschiedliche Dinge ausdrücken wolltest, bin ich mir sicher, du wirst es mir sagen). Und die dritte Frage hab ich einfach nicht kapiert.

    Du hast da beschrieben, was ich in mit „sich-anderer-Leute-Kopf-zerbrechen“ zu bezeichnen pflege. Finde auch, dass das eine lästige Angewohnheit ist.
    Aber wiederum: Gar nicht zu überlegen, wie Worte oder Taten die anderen berühren könnten, ist auch nicht das wahre. Wo also liegt mal wieder die berühmte goldene Mitte?

    • Pass auf:
      Zunächst geht es darum, ob es denn überhaupt passieren kann, dass sie etwas anderes sagt, als sie meint.
      Dann, ob ich in der Lage wäre, es festzustellen, wie sie es meint.
      Und dann, welchen Grund sie überhaupt haben könnte, es anders auszudrücken, als wie sie es eigentlich meint.
      In der Formulierung kommen diese Unterschiede leider nicht so fein heraus, ich musste de facto eben selbst nochmal überlegen, wie genau ich das nun meinte…

      • z. B.
        „Woher weiß ich, ob sie es auch so meint, wie sie es sagt?“ (Anstelle von „Und wenn Anna-Maria mit “Ja” antwortet, weiß ich dann, ob sie’s so meint oder doch ganz anders?“).
        Die dritte Frage hab ich von Sinn her wohl doch verstanden gehabt – aber für mein Empfinden gehört sie dort gar nicht hin. Weiß nicht, ob ich erklären kann, wieso, lass mich mal kurz nachdenken …
        Doch ich glaub, es könnte … also pass auf.
        Du hast in deinem ganzen Text nur „wenn’s“ und „ob’s“. Du stiefelst sozusagen von Fall zu Fall, von Möglichkeit zu Möglichkeit und genau das beabsichtigst du ja. Tout-a-coup kommst du jetzt aber mit einem GRUND – mit einem „Warum?“ an.
        Für mich wirkt das, als würdest du – Karl May – einer Spur nachgehen und sie untersuchen – und an einer Stelle bleibst du stehen und beginnst, sie genauer unter die Lupe zu nehemn. Hat die Stelle diese besondere Aufmerksamkeit denn verdient? Ich meine, es gibt ja Stellen, die man genau auf solche Weise hervorheben muss – aber doch nicht die!
        Der Text lebt und besticht durch seine stupide Gleichmäßigkeit. Womit wir wieder beim Leserhythmus wären …
        (Wie du vielleicht mittlerweile gemerkt hast, plädiere ich dafür, den Satz erSATZlos zu streichen!)

    • Hihi, kein Problem, das mag sogar für dich sprechen 😉
      Es geht einfach darum, dass man sich wegen ganz einfachen Sachen viel zu viele Gedanken darum macht, was andere denken oder wie sie reagieren könnten.

  3. Sehr schön, das liebe ich bei Texten – man liest erst den Titel und kann sich nichts darunter vorstellen. Und wenn man dann den Text kennt und sich dann den Titel durch den Kopf gehen lässt, merkt man, dass er passender nicht sein könnte.

    Zum Schreibstil wurde ja schon einiges geschrieben, ich beschränke mich mal auf den Inhalt: Hat mir sehr gefallen, das kenne ich (in etwas anderer Form) auch von mir selbst. Hat mir beim Lesen ein schönes Grinsen aus dem Gesicht gelockt, genauso wie ein kleines Ertappt-Gefühl. 😉

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