Das Beusch – Teil 4

Inhaltsverzeichnis

Dort angekommen setzte sie federleicht, wie sie war, auf und stand direkt auf ihren Füßen. Sie schaute kurz an sich herab, zupfte an ihrem Pyjama-Oberteil, um es geradezurücken und klopfte sich ein wenig ab. Dann hob sie ihren Blick. Und zuckte kurz zusammen. Nur wenige Zentimeter vor ihr befand sich eine Art senkrecht angebrachtes Rohr. Ihr Blick folgte diesem nach oben. Es war ein Schild daran befestigt.  Das muss das sein, was sie schon von oben gesehen hat! Lara-Sophie ging einen Schritt zurück um es besser erkennen zu können.

„O…S…Os…C…H…Osch…A…T…Oschat…Z…Oschatz!“

Sie grinste breit und war ziemlich stolz auf sich, dass sie das Schild hat lesen können. Ganz ohne Hilfe!

„Nu bis de in Ooschads. Besser gesaacht stehsde davor.“

Jetzt schreckte sie wieder kurz zusammen. Dann schaute sie nach unten, um zu sehen, woher die Stimme kam. Vor ihr stand ein Schläfriges Hüpfmeerschweinchen. Allerdings war es nicht schläfrig. Und es hüpfte auch nicht. Dafür trug es einen Zylinder, ein Monokel und eine Fliege.  Und es schien im Dialekt zu reden.

„Hu?“, stieß Lara-Sophie hervor. Sie wusste im Moment nicht, worüber sie sich am meisten wundern sollte. „Du hüpfst ja gar nicht.“ Fing sie vorsichtig an.

„Rischtisch. Ich essn  grad ooch nich, so hubbn isch nich.“ Es schaute Lara-Sophie sehr bedeutungsvoll an, und seine Kleidung unterstrich die Wichtigkeit, die sein Blick ausstrahlte.

„Ah ja…“ Sie versuchte zu vertuschen, dass sie das Tierchen aufgrund seines Dialektes nicht so richtig verstand. „Und… du trägst… Kleidung… also…“

„Ooch rischtisch. Ni zu glohnbn, bisde een Gäbbschn!“

Nun blinzelte Lara-Sophie nur noch unkontrolliert. War dies tatsächlich ein deutscher Dialekt? „Ah ja…“, stammelte sie erneut.

Dann bemerkte sie, wie ein weiteres Tierchen herbei kam und sich zu dem ersteren gesellte. Dieses trug eine runde Brille, einen weißen Kragen und ein kleines Krawattentuch.

„Schulldchnsä, wasn hier los?“, fragte es neugierig.

„Soh’n Luhladsch fraacht misch schon de gaanse Zeit soh’n Zeusch!“

„Ai verbibbschd! Ni zu glohbn! Das Mädl da?“ Es schaute nun zu Lara-Sophie hoch, nickte kurz und meinte höflich: „Daach ooch! Wie  gehdsn so?“ Dann senkte es seinen Blick erneut, denn sein Freund erwiderte: „Rischtisch! Un’s ziemlich fordadderd, es gloddst so mit seen Kulleroochen als würd’s keen Wort voarstehn! Nuschel isch?“ Es schien ein wenig aufgebracht.

„Escha“, erwiderte das andere verständnisvoll, „isch denk se redet hochdeusch un is desshaalb so vordadderd! Spär de Löffel oof, isch hab ne Idee!“ Dann flüsterte es seinen Kumpanen etwas ins Ohr, woraufhin dieser nickte und verschwand.

Lara-Sophie wurde ein wenig unruhig und trat von einem Fuß auf den anderen. Doch das verbliebene Schweinchen mit seiner runden Brille lächelte immerzu so sanft, dass sie nicht anders konnte, als sich ein wenig zu beruhigen. Und nur eine kurze Zeit später tauchte das Meerschweinchen mit den Zylinder mit einem dritten auf, dieses sah jedoch ein wenig anders aus als die ersten beiden. Es trug auch eine Brille, aber keine runde, und eine Krawatte, kein Krawattentuch. Es räusperte sich einmal und meinte dann: „Hallo. Du musst das große Mädchen sein, von dem mein Freund mir berichtet hat. Er sagt, du hättest kein Wort von dem verstanden, was er gesagt hat.“

Lara-Sophies Augen fingen an zu leuchten. Eine sehr große Erleichterung breitete sich gerade in ihrem Innern aus. Sie hockte sich schnell hin, um in etwa auf Augenhöhe mit dem Wesen zu sein, und antwortete: „Richtig! Ich bin Lara-Sophie.“ Sie lächelte. „Schön, dass dein Freund dich geholt hat!“

Das Meerschweinchen lächelte zurück. „Also, was wolltest du wissen?“

„Naja…“, find sie zögerlich an. „Eigentlich ganz viel. Zum Beispiel, warum ihr weder hüpft, noch schläfrig seid. Oder warum ihr Kleidung tragt. Und wo ich hier bin. Und überhaupt…“

„Warte, warte!“, rief das Meerschweinchen. „Das sind aber eine ganze Menge Fragen auf einmal! Pass auf, wir sind hier in Oschatz. Das ist eine sächsische Stadt, deswegen reden hier alle sächsisch. Nur ich nicht, weil ich bin zugezogen. Und Kleidung tragen wir, nun ja, weil wir zivilisierte Wesen sind. Ich meine, du trägst ja auch Kleidung und wir sind deshalb nicht verwundert.“

Das leuchtete Lara-Sophie ein. Sie nickte brav.

„Und… was wolltest du noch wissen? Warum wir nicht hüpfen und nicht schläfrig sind?“ Sie nickte kurz. „Das sind aber mal zwei komische Fragen. Wie kommst du denn darauf?“

Jetzt stutze Lara-Sophie. „Nun… seid ihr denn keine Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen?“

„Ja, doch, aber…“ Jetzt lachte das Meerschweinchen. „Wegen dem Namen! Ja, pass auf. Der hat historische Wurzeln. Also, eigentlich ist es eher eine Art Sage. Aber das würde jetzt zu weit führen.“ Es machte eine kurze Pause, dann fügte es hinzu: „Wobei es vorkommen kann, dass wir wirklich anfangen zu hüpfen, wenn wir essen. Aber wir versuchen, das unter Kontrolle zu halten. Die einen mehr, die anderen weniger.“ Bei dem letzten Satz schielte es kurz hinüber zu dem Meerschweinchen mit dem Zylinder. Lara-Sophie schaute das Schweinchen mit der Krawatte noch länger an, aber es sagte nun wirklich nichts mehr dazu.

„Nun gut“, fing sie an, „Wir sind in Oschatz und hier leben lauter Schläfrige Hüpfmeerschweinchen, die weder schläfrig sind, noch hüpfen, und dazu alle sächsisch reden. Na wundervoll!“

„Nicht wahr?“ Das Wesen schien ihre Ironie nicht zu verstehen. „Komm mit, ich zeige dir die Stadt!“ Dann drehte es sich um und wackelte am Schild vorbei in Richtung der Häuschen. Lara-Sophie seufzte, dann folgte sie dem Meerschweinchen.

——–

Hier noch einmal die Quelle meiner Inspiration, zusammen mit einem Dankeschön dafür 😉

http://www.fonflatter.de/2012/12/20/2649-tellerchen/

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9 Gedanken zu „Das Beusch – Teil 4

    • Danke für das Lob!
      Nein, ich komme nicht aus Sachsen. Hab mich bissl in den Dialekt eingelesen bzw reingehört und den Text Korrektur lesen gelassen.
      Schön, dass er so gut geworden ist, war auch eine Heidenarbeit im Vergleich zum restlichen Text! 🙂

      • ja kann ich mir vorstellen 😀 dialekt schreiben ist ewig schwer…
        ich bin auch nicht aus sachsen, aber ich hatte das vergnügen, ein jahr lang dort zu wohnen und von harmlosem leipzigerisch bis zum tiefsten erzgebirgisch alles anzuhören 😀

    • Jedenfalls fasse ich es als doppeltes Kompliment auf, dass mein Dialog auf auf jemanden, der den Dialekt wohl intensiv kennen lernen durfte, überzeugend klingt 😉
      Und: trotzdem es irgendwo schon an „arbeit“ grenzt, macht das Ganze doch auch ganz viel Spaß, vor allen Dingen, wenn einem das dann erstens selbst gefällt und zweitens dann auch anderen und die das durch Feed-Back kundtun 😉
      Also, nochmals danke für dein Lob und deinen Kommentar! 🙂

      • hehe ja allerdings, das ist wirklich nicht schlecht *daumenhoch*
        bittebitte, gern geschehen. ich hab selber über mein jahr in sachsen blog geschrieben und weiß wie deprimierend das ist, wenn alle immer nur lesen, aber nie jemand einen kommentar dazu hinterlässt… 😉

  1. Pingback: #2574: Draußen « fledermaus fürst frederick fon flatter

  2. Mal nur ganz kurz: In diesem Teil (“Ai verbibbschd! Ni zu glohbn! Das Mädl da?” Es schaute nun zu mir hoch, nickte kurz und meinte höflich: “Daach ooch! Wie gehdsn so?”) hast du die Erzählperspektive gewechselt. Ersetz mal das „ich“ durch „Lara-Sophie“ …

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