Das Beusch – Teil 6

Inhaltsverzeichnis

Lara-Sophie musste kurz ihre Gedanken ordnen. Der plötzliche Stopp hatte sie doch nun etwas durcheinander gewirbelt. Sie merkte, wie sie noch etwas schwankte und einen Ausweichschritt machen musste. Und noch einen. Sie tappte von einem Fuß auf den anderen und wunderte sich, dass sie nicht damit aufhören konnte. Sie hatte Angst, jeden Moment hinzufallen und fand absolut kein Halt. Dann merkte Lara-Sophie, dass es nicht nur ihr so ging. Zuerst hörte sie laute, panische Quiekser aus allen Richtungen, dann wild durcheinander laufende Trippelschrittchen, sah die Hüpfmeerschweinchen hektisch durch die Straßen laufen. Gebäude schwankten hin und her, der Putz bröckelte von den Wänden und in den Wegen bildeten sich Risse. Plötzlich ertönte ein besonders lautes, langgestrecktes Fiepen.

Das Beben verstummte. Einen Moment standen alle ganz still, als wäre die Zeit stehen geblieben. Dann setzte das laute Quieken und Trippeln wieder ein. Die Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen, die Gelbgelben Blütenwusel und die Zwockeligen Nichtsdestotrotze liefen in Richtung des lauten Fiepens  und Lara-Sophie direkt hinterher. Zuerst fiel auf ihr, dass der Boden immer rissiger wurde und die Risse selbst immer tiefer wurden. Dann sah sie, dass ein Haus fehlte.

Mitten in der Häuserfront war ein Loch. Und drum herum hatte sich halb Oschatz versammelt. Lauter quiekende, ratlos schauende Schläfrige Hüpfmeerschweinchen, dazwischen mehrere hektisch im Kreis laufende Gelbgelbe Blütenwusel. Und die paar Zwockeligen Nichtsdestotrotze kamen mit Leiterchen, denn sie waren die einzigen hier, die Hände hatten und auf zwei Beinen gehen konnten.

Vorsichtig näherte Lara-Sophie sich dem Loch. Sie stand hinter der versammelten Menge, konnte aber über alle hinweg schauen. Das Loch war in etwas so tief, wie sie groß war, also ein Meter fünfzig. Für die kleinen Wesen hier musste es ein wahnsinnig tiefes Loch sein! Dann sah Lara-Sophie, dass sich darin die Reste eines Hauses befanden. Es tat ihr schon sehr leid um das Gebäude, denn die Häuschen hier in Oschatz sind allesamt sehr schön und sicher mit vielen Mühen sehr liebevoll errichtet worden.

Die ersten Zwockeligen Nichtsdestotrotze hatten schon ihre Leiterchen angelegt und fingen an, in das Loch  zu klettern. Und die vierbeinigen Wesen drum herum sahen ihnen dabei voller Bewunderung zu. Eigentlich nur die Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen, die Gelbgelben Blütenwusel liefen immer noch wild im Kreis und durch die Meerschweinchenmenge hindurch und verbreiteten eine extreme Hektik.

„Wieso klettern die Nichtsdestotrotzde denn in das Loch hinab?“, fragte Lara-Sophie. Sie stand wieder neben dem Meerschweinchen, das das sie schon die ganze Zeit durch die Stadt geführt hatte. Dieses reagierte zunächst gar nicht, es sah sehr ängstlich aus und quiekte unentwegt, wie die anderen auch. Sie musste die Frage wiederholen. Dann schaute es sie mit großen Augen an und meinte: „Hast du denn das Fiepen nicht gehört? Ein Hüpfmeerschweinchen ist mit hineingefallen!“

„Was?“ Diese Nachricht schockierte die kleine Lara-Sophie. „Das ist ja schrecklich! Geht es ihm gut?“

„Naja“, antwortete das Meerschweinchen, „die, die vorne stehen sagen, dass man sie noch ganz leise Fiepen hören kann.“ Es seufzte. „Hoffentlich kann es bald gerettet werden.“

„Ich kann es doch rausholen!“, rief Lara-Sophie plötzlich. „Ich komme sicher ganz einfach und ganz schnell in das Loch!“ Sie war nämlich ein sehr aktives Kind, das auch sehr gerne kletterte. Deshalb war sie sich ziemlich sicher, dass sie es problemlos schaffen könnte.

Das Meerschweinchen neben ihr schaute sie voller Bewunderung an. „Das würdest du tun?“

„Aber natürlich“, nickte sie.

Das Hüpfmeerschweinchen wirkte ganz aufgeregt. “Dann musst du sofort nach vorn!” Es überlegte einen Moment. “Pass auf, ich komme mit dir!”

Es ging ein paar Schritte nach vorne, stupste seine Vordermänner an und bat um Durchlass. Und das immer und immer wieder, bis sich eine kleine Gasse gebildet hatte. Lara-Sophie blieb direkt hinter ihm und bedankte sich bei jedem der kleinen Wesen artig.

Dann stand Lara-Sophie selbst vor dem Loch. Sie hatte sich nicht geirrt, es war wirklich in etwa so tief, wie sie selbst groß. Freudig stellte sie fest, dass das Loch am Rand nicht ganz glatt und gerade war, sondern eher abgestuft. Sie könnte sich also sicherlich problemlos festhalten und ganz leicht herunterklettern.

„Wo ist denn das Hüpfmeerschweinchen, das runtergefallen ist?“, fragte sie.

Ihr Freund fragte kurz die Umstehenden, dann stupste es sein Köpfchen nach vorne. „Von hier aus ganz links. Wenn du genau hinschaust, kannst du das Schnäuzchen sehen!“

Und in der Tat, da, unter einem kleinen Balken lugte ein kleines Näschen hervor, dass immer wieder versuchte, nach links oder rechts, nach oben oder unten vorzustoßen, dabei unentwegt schnüffelte, sich aber immer nur um wenige Millimeter bewegen konnte. Ab und an stieß es ein ängstliches Fiepen aus.

Lara-Sophie tat dies im Herzen weh. Sie beschloss, sich zu beeilen. Mit einem Satz befand sie sich schon zur Hälfte im Loch, mit dem zweiten stand sie auf dem Grund. Sie konnte gerade so nicht über die Kante schauen, aber jede Menge neugierige Äugelchen schauten zu ihr hinab. Auch die Zwockeligen Nichtsdestotrotze, die mit ihren Leiterchen auf dem Weg nach unten bereits ein Viertel des Weges geschafft hatten, blieben nun still stehen und beobachteten das Mädchen neugierig.

Mit nur drei Schritten stand sie vor der Stelle, wo das Meerschweinchen lag. Vorsichtig räumte sie den Schutt und schließlich den Balken fort. Das arme Wesen sah ganz ramponiert aus, sein Fell und das feine Blüschen mit dem Spitzenkragen waren ganz dreckig und es blickte ganz schwach zu Lara-Sophie auf. Vorsichtig hob sie es auf ihren Arm und reichte es nach oben zu den anderen, wo schon eine Liege bereitstand.

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Ein Gedanke zu „Das Beusch – Teil 6

  1. „dass das Loch am Rand nicht ganz glatt und gerade war“ klingt besser.

    Ja hey – du erfüllst meine Erwartungen! Also – ich weiß jetzt nicht, wie sich die 6 Teile hinereinander weg lesen lassen, aber zumindest kann ich sagen – auch den hier hab ich gern und mit Spannung gelesen.

    Unnu? Wie gehts weiter?

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