Zu Besuch bei Onkel Barock

Vor einigen Wochen beschloss ich, dass es an der Zeit wäre, meine alten Verwandten wieder einmal zu besuchen. Ich tat dies eigentlich immer gerne, denn sie hatten stets Interessantes aus vergangenen Zeiten zu berichten und ich hörte ihnen immer schon fasziniert zu.

Heute wollte ich meinen alten Onkel, den Barock, besuchen.

Schon von weitem sah man sein Domizil, es lag auf einem Hügel, umgeben von liebevoll gepflegten Gärten. Überall sah man Bedienstete, die sich in akribischer Kleinstarbeit um jeden Winkel kümmerten. Hier und dort lustwandelten kunstvoll gekleidete Menschen durch den Park und unterhielten sich. Alles an ihnen schien formvollendet, ihre Körperhaltung, genauso wie ihre Wortwahl, ihre Gestik und ihre Mimik. Je näher wir an das Schloss meines Onkels kamen, desto mehr zog es meinen Blick auf sich. Es war zum einen ziemlich groß und ausladend, dann aber übersät mit liebevollen Details. Hier war etwas abgerundet, da saß noch ein kleines Türmchen, hier ein weiterer Bogen, dort eine kleine Gravur.

Ein Bediensteter öffnete die Tür in ausgesuchter Höflichkeit und führte mich über eine breite Treppe hinauf in ein prunkvolles Zimmer. Ich setzte mich an den großen, schweren Tisch, mir wurde Tee gebracht, dann schaute ich mich um. Denn obwohl ich natürlich nicht zum ersten Mal, bei meinem Onkel war, bat das Zimmer förmlich darum, intensiv begutachtet zu werden. Und egal wie oft man dem nachkam, ist man immer wieder erstaunt über die vor Prunk strotzende, aber perfekt aufeinander abgestimmte, in sich harmonische Komposition der Inneneinrichtung. Es hingen mehrere große, helle Kronleuchter von der Decke. In der Wand waren Nischen eingelassen, in denen goldenen Statuen standen, die reich verzierte Leuchter hielten. Alle Öffnungen waren abgerundet und mit goldenen Zierelementen versehen. Die Säulen zwischen den Fenstern und Türen schienen aus Marmor zu sein. Der obere Abschluss der Wand war mit aufwendigen, vergoldeten Stuckarbeiten versehen. Und die Decke selbst war ein gebogenes Gewölbe, das mit einer prachtvollen, bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Malerei versehen war.

Dann trat mein Onkel ein. Trotz seines hohen Alters wies er die gleiche Würde und dieselbe perfekte Haltung auf wie eh und je. Seine Kleidung war mindestens ebenso detailverliebt wie der Raum. Er trug eine kunstvolle Perücke, mit unendlich vielen, mühevoll übereinander geschichteten Locken. Unter dem goldenen, eng anliegenden Mantel lugten eine beige Weste und ein mit Rüschen verziertes weißes Hemd hervor. Die dunklen Hosen waren knielang und eng, darunter trug er helle Seidenstrumpfhosen und schwarze Schuhe mit Silberschnallen und Absatz.

Sein Auftreten war stets würdevoll und strahlte eine innere Größe eines Formates, das man so nur selten fand, aus.

Als er mich sah, lächelte er. Ich wurde herzlich und freudig begrüßt, jedoch vergaß er auch in solch privaten Momenten nie, seine Haltung zu bewahren. Es war erstaunlich.

Nachdem er sich gesetzt hatte, trank er auch ein paar Schlucke Tee und wir tauschten ein wenig Small Talk aus. Dann fragte ich ihn nach seiner Geschichte und er begann zu erzählen:

„Als die Blütezeit meiner Schwester, der Renaissace, vorüber war, sie hatte sich besonders im 15. und 16. Jahrhundert hervorgetan und schritt nun im Beginnenden 17. Jahrhundert immer mehr in den Hintergrund, konnte ich, der Barock, langsam meine Fühler ausstrecken und mich so Jahr für Jahr immer mehr hervortun. Nachdem meine liebe Schwester die Menschheit dazu angehalten hatte, sich dem Vergangenen zuzuwenden und ihre gesamte Kunst auf das Wesen vergangener Hochkulturen, wie dem alten Rom und dem alten Griechenland, zu konzentrieren, wollte ich, dass man aus diesem Muster entfliehe. Die geraden, strengen, auf alte Perfektion getrimmten Formen langweilten mich, ich wollte stattdessen einen frischen, einen prächtigen, verspielten, glamourösen Geist in die Menschen pflanzen, der eine neue Kraft und Bewegung mit sich bringt, der das Herz erhebt und den Heroismus fördert, der nur so von Detailverliebtheit und Pomp strahlt! Ich schaffte es, dass dieser Geist zunächst um das Jahr 1600 in Italien Wurzeln fasste und von dort anfing, sich über ganz Europa auszubreiten.

Besonders am Hofe konnte man dies wundervoll beobachten. Ich erinnere mich noch genau, als Ludwig der Vierzehnte begann, das alte Jagdschloss seines Vaters in Versaille Schritt für Schritt nach meinen Vorgaben umzubauen, das muss im Jahre 1661 gewesen sein. Es war eine wahre Wonne zu sehen, wie prächtig und prunkvoll das Gebäude wurde, es wurde schließlich über eine lange Zeit das Zentrum Frankreichs und der Sitz des Herrschers und Vorbild für unzählige andere Schlösser in ganz Europa. Ich war wirklich mehr als glücklich, dass man nun wirklich von den einfachen, geraden Formen der Renaissance weg war! Man konnte und kann aus einem Gebäude doch wahrlich mehr machen, als eine Zusammenwürfelung aus Kreisen, Dreiecken und Säulen, nicht wahr?

Das Leben auf diesem Schloss wurde bis zur Perfektion an meine Vorgaben angepasst, man trug prunkvolle, minutiös ausgearbeitete, mit Spitzen besetzte Kleidung – die Mode galt als Kunstform, weshalb man drei bis vier Stunden darauf verwandte, sich anzukleiden, wozu auch das Anlegen der Perücke, der Schminke und der Accessoires zählte, das Verhalten aller Anwesenden unterlag strenger Regeln – es gab Bücher, die die Aussprache und die Haltung eines Menschen reglementierten – und der gesamte Tagesablauf aller Personen am Hof war streng festgelegt.

Es verwunderte nicht, dass diese Perfektion in und am Schloss als Abbild göttlicher Herrlichkeit gesehen wurde. Auch der Garten um das Schloss wurde in perfektionistischer Kleinstarbeit gepflegt und in Ordnung gehalten. Die Planung zeugte von architektonischem Genie – sämtliche Wege waren auf das Schloss ausgerichtet, um dessen zentrale Bedeutung zu verdeutlichen – alles war gerade und ordentlich und symbolisierte, wie sehr der Mensch sich dazu in der Lage fühlte, die Schöpfung zu kontrollieren.

Doch leider deckte diese Perfektion, diese Schönheit, nur eine Seite meiner Blütezeit ab. Während sich die Reichen und Schönen auf dem Hof ihres Lebens erfreuten, waren die meisten Menschen arm, gezeichnet vom Leid und Elend des Dreißigjährigen Krieges und der Pest. Außerdem herrschte eine strenge Ständegesellschaft: wer arm geboren war, blieb auch arm. Wohl bemühten sich die Armen, das Leben der Reichen zu kopieren, doch war dies nur ein erbärmlicher Abklatsch des Pomps am Hofe. So verkam mein Gedanke von Vollkommenheit und Schönheit immer mehr zu einer Ablenkung von dem Leid und Elend.”

Ich sah, wie sich das Gesicht meines Onkels kaum merklich verfinsterte. Nichtsdestotrotz hakte ich hier ein: “Was hatte es denn auf sich mit diesem Dreißigjährigen Krieg?”

“Er begann im Jahre 1618 und dauerte dreißig Jahre, also bis 1648. Es ging zum einen darum, wer die Hegemonie, also die Vorherrschaft, in Europa und in Deutschland innehaben sollte. Es war aber auch ein Krieg zwischen den Konfessionen. Viele verloren ihr Leben, oft auf grausame Art und Weise. Wer arm war wurde noch ärmer, wer wenig hatte, bekam auch das noch abgenommen. Dazu starben viele, vor allen Dingen in Deutschland, an der Pest. Nicht selten waren die Straßen gepflastert von Leichen, die Hospitäler und die Pesthäuser waren überfüllt und überall nahmen Leid und Elend zu.

Wie sollte man dem begegnen? Was konnte man tun?

Es bildeten sich zwei Pole: Die einen folgten dem Pomp und dem Prunk immer ausgiebiger. Sie lenkten sich so von dem Leid und dem Elend ab und lebten nach dem Motto „Carpe Diem“ – „Genieße den Tag“, oder wörtlich: „Pflücke den Tag“. Man wird so oder so irgendwann sterben, also wäre es das Beste, die Zeit bis dahin so intensiv wie möglich zu genießen. Doch einige Menschen fragten sich, ob es denn richtig sei, dem Leid der Menschen so zu begegnen und machten Aussprüche wie „Memento Mori“ – „Gedenke des Todes“ – oder „Vanitas“ – „Nichtigkeit“ oder „Eitelkeit“ – zu ihren Motiven. Es wäre nichtig, sich seines Lebens zu freuen, da man sowieso sterben müsse. Das ewige Lachen im Angesicht des Krieges wäre gleichsam ein Verschließen vor den Tatsachen, vor dem wirklichen Leben. Es sei das beste, der Welt mit ihren schnöden Nichtigkeiten den Rücken zu kehren und als Einsiedler, fern der Gesellschaft und ihren Regeln, zu leben. Das pompöse Leben wurde von ihnen als hemmungslos, animalisch und unchristlich gesehen und oft bis ins komisch-groteske verballhornt. Man warf den Reichen vor, verschwenderisch zu leben, während die Armen verhungerten. Es wäre das beste, dieser Welt zu entsagen und dem nahenden Tode und der Nichtigkeit des menschlichen Wesens zu gedenken.

Unter anderem deshalb beschloss ich, mit meinem jüngsten Sohne, dem Rokoko, doch einmal eine andere Richtung einzuschlagen. Wir bemühten uns, das Hofleben wieder feinsinniger und galanter zu gestalten, weniger auf Inszenierung und mehr auf einen Rückzug ins Private zu setzen. Die Architektur wurde heiterer und leichter, Gärten wurde durch naturnahe Elemente wie Rasenflächen oder Blütensträucher aufgelockert. Diese Motivik  wurde zunächst in Frankreich umgesetzt, so um das Jahr 1730 herum, und breitete sich ebenfalls über Europa aus, was uns sehr freute. Wir dachten, nun eine Saite getroffen zu haben, die die Menschen zufrieden stellte.

Doch dem war nicht so. Mein jüngerer Bruder, der Klassizismus, merkte dies und fing an, seine Ideen – die übrigens der unserer Schwester, der Renaissance ziemlich ähnelten – den Menschen schmackhaft zu machen. So existierten wir mehrere Jahrzehnte nebeneinander, doch die Menschheit dürstete auf einmal wieder nach griechischen und römischen Schönheitsidealen, meine pompöse oder verspielte Art war ihnen mehr und mehr zuwider, so dass ich mich ab dem Jahre 1770 zur Ruhe begeben musste.“

Er machte eine Pause und sah mich an. Ich hatte die ganze Zeit über fasziniert zugehört. Er lächelte nun wieder. „Es ist schön, dass du mich besuchen gekommen bist.“ Dann nahm er noch einen Schluck Tee und fragte mich, die Postmoderne, wie ich denn mit den Menschen da draußen zurechtkommen würde. Doch ich konnte nur abwinken: “Ich hab’s aufgegeben, denen was vorschreiben zu wollen. Die machen doch sowieso, was sie wollen.”

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5 Gedanken zu „Zu Besuch bei Onkel Barock

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