Das Beusch – Teil 1 – Version 2

Inhaltsverzeichnis

Heute war bereits der dritte Abend, an dem Lara-Sophie Kekse auf die kleine Kommode im Flur stellte. Wie die letzten beiden Tage auch ging sie in die Küche, stellte sich die Trittleiter parat und holte die Keksdose von dem Fach über dem Kühlschrank. Dann schob sie den Tritt einen Meter nach links, um an das Geschirr heran zu kommen. Das erste Mal hatte sie hier lange gesucht, um den schönsten Teller zu finden, den ihre Mutter besaß.

Lara-Sophie wollte die Kekse auf keinen Fall einfach auf irgendeinen Teller legen, nein, es musste der aus dem feinen Porzellan und mit dem leicht geschwungenen Rand sein, der über und über mit kleinen Blümchen in zarten Pastellfarben bedacht war.

Gerade als sie am ersten Abend mit der Suche nach dem Teller fertig war, kam ihre Mutter zur Küche hinein. „Nanu“, fing sie an, „was machst du denn hier? Musst du nicht längst im Bett sein?“ Dann fiel ihr Blick auf die Keksdose. „Und die Süßigkeiten räumen wir auch wieder weg, Fräulein! Du sollst Abends doch keine Kekse mehr essen!“

„Nein Mama“, warf das Mädchen schnell ein, „die sind ja gar nicht für mich!“ Schnell stieg sie von der Leiter, legte den Teller auf die Küchentheke und griff nach der Keksdose, um sie ganz fest an sich zu drücken. „Ich will sie nur auf der Kommode im Flur auslegen, mehr nicht!“

Die Mutter runzelte die Stirn. „Die Kekse auslegen? Wieso das denn?“

„Das kann ich nicht sagen. Ich will etwas versuchen. Wovon ich heute gelesen habe. Aber wenn ich verrate worum es geht, dann klappt es womöglich nicht.“ Sie blickte ihre Mutter mit großen, bettelnden Augen an, so dass diese nicht anders konnte als zu lächeln.

„So, du hast davon gelesen? Wo denn?“

„In einem Buch.“

Die Mutter seufzte, lächelte aber immer noch. Sie dachte an die Kinderbücher, die ihr Mann der Kleinen letztens mitgebracht hatte. Sicher versuchte Lara-Sophie eine der Geschichten in einem dieser Bücher nachzuspielen.

„Und…“, fuhr die Mutter fort, „du wolltest jetzt die Kekse auf den Teller legen und auf die Kommode legen? Mehr nicht? Und dann wartest du ab, was passiert?“

„Ja. Nein, nicht ganz. Ich muss die Kommode doch noch schmücken!“

„Schmücken?“ Die Stirnrunzel der Mutter vertieften sich.

„Ja. Wie wenn man Kekse für den Nikolaus rauslegt. Mit einem schönen Deckchen und mit Blümchen und Kerzen, damit die Kekse auch beleuchtet sind! Und dann muss ich schlafen gehen. Und wenn ich Glück habe, passiert über Nacht etwas wunderbares!“ Das Mädchen hatte sich richtig in Stimmung geredet, die Worte überschlugen sich fast und ihre Äugelchen leuchteten.

„Nun gut“, meinte ihre Mutter seufzend, „ich schlage folgendes vor: Ich helfe dir schnell, alles vorzubereiten, und dann gehst du aber sofort ins Bett. Und, die Kerzen lassen wir besser weg, bevor noch etwas Feuer fängt. Du kannst stattdessen die Lichterkette nehmen, wie wäre es damit?“ Sie wollte heute Abend keine längere Diskussion mehr anfangen. So wie sie ihre Tochter kannte, würde sie spätestens nach ein paar Tagen, wenn nichts geschehen würde, das Interesse an diesem Spiel verlieren.

Das Mädchen schien einen Moment zu überlegen, dann nickte sie. „Einverstanden.“

Am nächsten Morgen stand Lara-Sophie ganz früh auf, noch vor allen anderen. Sofort rannte sie die Treppe hinab, bog um eine Ecke und blickte hoffnungsvoll auf die Kommode. Doch dann seufzte sie. Alles lag da, wie am Abend zuvor, nichts hatte sich verändert. „Naja, vielleicht muss ich es noch ein paar Mal versuchen“, überlegte sie halblaut. Dann steckte sie die Lichterkette aus, räumte die Kekse zurück in die Keksdose, verstaute das Deckchen in der Kommode und brachte den Teller zurück in die Küche.

Am nächsten Tag war es nicht anders.

Doch als Lara-Sophie am dritten Tag um die Ecke bog, riss sie überrascht die Augen auf. Sie hatte fast damit gerechnet, dass sich wieder nichts geändert hatte. Doch weit gefehlt! Heute waren alle Kekse weg. Kein einziger Krümel war übrig. Die Dekoration lag aber noch an genau derselben Stelle wie den Abend zuvor. Es sah beinahe so aus, als hätten auf dem Teller niemals irgendwelche Kekse gelegen. Doch der Teller war nicht leer. Statt des liebevoll arrangierten Gebäcks lag dort genau in der Mitte… Ja, wie sollte man dieses Etwas beschreiben? Es war kugelrund. Und plüschig. Und es schimmerte geheimnisvoll. Lara-Sophie überlegte kurz, die Kugel in die Hand nehmen, traute sich jedoch nicht so richtig. Also pikste sie sie nur einmal. Sie fühlte sich eher kratzig als plüschig an. Und bei genauerem Hinsehen war sie auch nicht genau kugelig, sondern eher eckig. Halt sehr eckig, so dass sie beinahe wie eine Kugel aussah. Lara-Sophie  schaute sie noch eine Weile an, dann wurde ihr Blick etwas verklärter, die Augen fingen an zu leuchten und plötzlich rief sie: „Das muss das Beusch sein!“

„Das was, mein Schatz?“, fragte eine Stimme hinter ihr. Es war ihre Mama. Weil Lara-Sophie so mit dem plüschigen Etwas beschäftigt war, hatte sie sie gar nicht kommen hören und zuckte kurz zusammen. Dann packte sie das Beusch schnell, drehte  sich um und lächelte ihre Mama mit großen Augen an. „Ein Beusch!“, rief sie. „Ich habe letztens gelesen, wenn man ganz brav ist und Kekse rausstellt, dass man dann einen Beusch bekommt! Und, wenn du einen Beusch hast, dann passiert etwas ganz tolles!“ Die Mutterlegte den Kopf schief und runzelte die Stirn, denn sie fragte sich, was denn genau ihre Kleine da in ihren Händen hielt. Sie wollte es sich gerade noch näher anschauen, ihre Tochter war aber schon in einem wahnsinnigen Tempo an ihr vorbei und in ihr Zimmer gelaufen. Also beschloss die Mutter, später ihren Mann zu fragen, ob er etwas damit zu tun hatte.

Lara-Sophie aber bunkerte das Beusch nun in ihrem Nachttisch, direkt neben dem Bett. So dass sie, wenn sie noch wach war oder wieder wach wurde, immer wieder mal hinein schauen konnte, um sicherzugehen, dass ihr Beusch noch da war.

Und dann passierte erst mal nichts. Für etwa sechsunddreißig Stunden.

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6 Gedanken zu „Das Beusch – Teil 1 – Version 2

  1. Stimmiger als die erste Version im Hinblick auf den weiteren Verlauf. Respekt, diese Aufräumarbeiten sind immer mühsam und man trennt sich so ungern von einmal Geschriebenen…. Liebe Grüße, Andreas

      • Den Kommentar kann ich mir nicht verkneifen: im „Trennen von einmal Geschriebenem“ bist du jedenfalls grad gut in Übung 😛

        Wenn ich auch so spitzfindig sein darf: Ebenfalls letzter Absatz (wenn man den letzten Satz nicht als Absatz sieht): Letztes Wort: „war“ statt „ist“ …

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