Das Beusch – Teil 13

Inhaltsverzeichnis

Beim Versuch sich zu bewegen, schmerzte ihr ganzer Körper. Lara-Sophie stöhnte auf. Der Untergrund fühlte sich hart an, viel härter als ein Bett. Lag sie etwa auf dem Boden? Langsam versuchte sie, ihre Augen zu öffnen. Sie blinzelte ein Mal. Es war dunkel. Beim zweiten Blinzeln erkannte sie dann schon erste Strukturen. Dann öffnete sie die Augen vollends. Sie sah viele Meter über sich eine ungleichmäßig gerissene Öffnung, durch die Licht floss. Eigentlich gab es sogar mehrere dieser Öffnungen an der Decke, aber durch sie konnte nicht mehr als ein diffuses Schummerlicht hindurchdringen. Sie waren schließlich so weit weg, diese Öffnungen…

Lara-Sophie hob langsam den Kopf. Sofort durchzuckte sie ein stechender Schmerz. Einen Moment war dem Mädchen schwarz vor Augen. Panik flackerte auf.

Sie wusste weder, wo sie war, noch wieso es so weh tat. “Mama?!”, rief sie ins Dunkel – es war mehr ein Wimmern -, doch niemand antwortete. Erste Tränen kullerten dem Mädchen aus den Augenwinkeln. Sie rollte sich zur Seite, und spürte dabei ein Stechen und Drücken im ganzen Körper. Dann flossen die Tränchen in Strömen.

Nach und nach kam die Erinnerung zurück. Daran, wo sie hier war und wie sie hier hin gekommen war. Ihr wurde klar, wieso niemand antwortete. Weil keiner in der Nähe ist!

Sie schniefte noch ein paar Mal und wischte sich die Augen trocken. Dann nahm sie ihre Kräfte zusammen, setzte sich auf und schaute sich ängstlich um.

Sie befand sich in einem weitläufigen… Ja, wie sollte sie es nennen? Einen Raum unter der Erde? Er musste wohl direkt unter der Ebene sein, die Öffnungen über ihr waren sicher die Risse auf dieser. Und er war ziemlich groß. Es fiel dem Mädchen schwer, seine Abmessungen zu schätzen. Sie fühlte sich unendlich hilflos und verloren.

Jetzt fiel ihr auf, dass der Raum wohl nicht natürlich entstanden war.  Sie entdeckte nämlich zwei mit schweren Kanthölzern gestützten Schächte. Da der Untergrund zur Mitte hin abfiel, befanden sie die Eingänge ein paar Meter oberhalb von Lara-Sophie. Überhaupt wunderte sich das Mädchen sehr über den schüsselförmigen Boden…

Sie versuchte sich gerade einen Reim darauf zu machen, als wie von fern dieses dumpfe, hohle Krächzen an Lara-Sophies Ohren drang, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es dauert ein paar Sekunden, bevor eine größere Menge Erde vor Lara-Sophies Füßen landete. Sie vernahm noch ein stumpfes Krachen, dann einen klaren, lauten Schrei. Sie riss die Augen auf und hob ruckartig den Kopf. Der riesige Vogel flatterte unbeholfen mit den Flügeln, versuchte, sich abzufangen und kam dabei immer näher.

Jeglichen Schmerz vergessend sprang Lara-Sophie auf und lief hinauf zu dem Schacht, der ihr am nächsten war. Sie musste sich bücken, um nicht mit dem Kopf gegen den Sturz zu laufen, aber dahinter konnte sie aufrecht gehen. Sie lief noch eine Weile, weiter und weiter. Bis sie anfing zu keuchen. Bis sie ihre Glieder wieder spürte. Bis sie merkte, dass sie humpelte. Und ihr auffiel, dass sie nicht verfolgt wurde. Der Vogel war mit Sicherheit zu groß für den Schacht!

Beruhigt lehnte sich das Mädchen an die Wand und atmete ein Mal tief ein. Sie lächelte sogar dabei.

Schon in nächsten Moment verwandelte sich das Aufatmen in ein Seufzen, die Augen wurden wieder stumpfer und füllten sich mit Tränen, welche erbarmungslos ihren Weg an den Wangen hinab suchten. Hier war sie nun, alleine in einem dunklen Schacht. Und das einzige  Wesen, das sie in ihrer Nähe wusste, wollte ihr böse. Sie wollte einfach nur nach Hause. In den Arm genommen werden. Sie wollte, dass ihr jemand über die Haare streicht und ihr sagt, dass alles gut wird.

Aber hier war niemand, der dies tat. Sie presste die Lider erst fest aufeinander und zwang sich dann, aufzuschauen. Ihre Blick war wie verschleiert von den salzigen Tränen, die Augen gerötet. Sie hatte sowieso kaum Licht, wie sollte sie irgendetwas erkennen, außer der Erde direkt vor ihrer Nase? Und selbst wenn sie bessere Sicht hätte, gäbe es sowieso nichts anderes zu sehen.

Aber irgendwie musste es weitergehen. Irgendwo musste ihr Freund sein. Und dieser Schacht hier müsste auch irgendwohin führen!

Das Mädchen raffte sich auf. Hier rumzuhocken und nichts zu machen würde in jedem Fall zu nichts führen. Also wandte sie sich um und schritt weiter voran.

Es vergingen wohl Stunden.

Zunächst ging sie einfach nur, stumpf, ja beinahe trotzig, einen Fuß vor den anderen richtend. Sie humpelte noch leicht, aber ihr Schritt schien von Minute zu Minute sicherer zu werden. Langsam richtete sie den Kopf immer mehr auf und ihre Augen fingen an, ihrem staubigen Gesichtchen Glanz zu verleihen.  Denn, wer immer diesen Gang gegraben hatte , müsste vielleicht ganz in der Nähe sein! Wer weiß, vielleicht wird sie ja auf eine Lebensform hier unten treffen? Diese Gedanken gaben ihr Auftrieb und ließen sie beschwingter werden. Sie war ja auch seltsamerweise nicht komplett im Dunkeln, sondern konnte immer sehen, wohin sie ihren Schritt richtete. Jetzt umspielte sogar ein Lächeln ihre Mundwinkel.

Aber was, wenn diese Lebensform feindlich waren? Wie diese großen Vögel? Das Mädchen verlangsamte seinen Schritt. Was, wenn es gar nicht gut wäre, gefunden zu werden?  Auf ein Mal erschien ihr der Gang einiges düsterer als vorher. Wie um dies zu untermalen, erfasste sie ein kühler Windzug und lies sie frösteln. Aber sie blieb nicht stehen. Das Gehen wurde immer mehr zum Automatismus, mal schneller, mal langsamer, aber es brach nicht ab. Eine Weile dachte sie dabei an gar nichts. Aber dann holten sie wieder die Bilder von ihrer Familie und von ihrem zu Hause ein. Wie sehr sie das doch vermisste!

Wieder wurde sie von einem Windzug erfasst.

Lara-Sophie stoppte und schaute um sich. Der Tunnel hatte sich nicht verändert, immer noch dieses gleichmäßige Schummerlicht, er war genauso hoch wie vorhin und schien kein Ende zu nehmen.

Das Mädchen hatte dazu jedes Zeitgefühl verloren. Sie fühlte sich bloß plötzlich so müde. War sie am Ende schon einen ganzen Tag unterwegs? Sie konnte es nicht sagen. Lara-Sophie würde sich so gerne ausruhen, aber sie hatte Angst, stehen zu bleiben. Die Bewegung ließ ihr die Dunkelheit weniger dunkel erscheinen und die Einsamkeit weniger einsam. Sie hatte auch Angst davor, gefunden zu werden, bevor sie etwas oder jemanden finden könnte…

Aber sie musste sich jetzt ausruhen. Nur ganz kurz. Ein Mal hinhocken, kurz durchatmen. Dann würde sie weiter gehen.

Wenige Momente später war sie eingenickt.

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5 Gedanken zu „Das Beusch – Teil 13

    • Danke, dass du immer noch dabei bist 🙂
      Ich kann leider nichts versprechen, aber ich hoffe, dass ich ausreichend Zeit finde, dass es möglichst bald weiter geht & auch beendet wird!!

      • Wie könnte ich abspringen? Ich muss doch wissen, wie es weiter geht!
        Manchmal hat man halt nicht die Zeit, die man bräuchte… Das kenne ich gut.

  1. Es vergingen wohl Stunden.

    „Zunächst ging sie einfach nur, stumpf, ja beinahe trotzig, einen Schritt vor den anderen richtend. Sie humpelte noch leicht, aber ihr Gang schien von Minute zu Minute sicherer zu werden“ –> einen Fuß vor den anderen setzend … und dann das „Gang“ durch „Schritt“ ersetzen … würde ich sagen …

    Wie fies!!!!!!
    Du lässt die im Ernst ein ganzes Kapitel durch einen Gang wandern!

    Ich finds gut 😀

    • Ebenfalls eine gute Idee, danke 🙂
      Aja, ich hab zwar letztens gelesen dass jeder Satz einer Geschichte entweder eine Frage aufwerfen oder sie beantworten sollte, damit’s nicht langweilig wird.
      Aber ich halt’s dann doch eher damit, mal eine Stimmung zu erzeugen. Ein Bild mit Worten zu malen. 😉

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