Das Beusch – Teil 15

Inhaltsverzeichnis

Die beiden Ebendeswegen nickten langsam, doch als das fremde Wesen noch nicht reagierte, meinten sie irgendwann: „Ja.“

Es nickte bedächtig. „Beschreibt es mir.“

Die beiden schauten sich kurz an, dann fing das Gescheckte, mit der hohen Stimme , an: „Nun, es ist groß. Und entsprechend schwer. Ebendeswegen mussten wir es mit mehreren tragen!“ – „Es geht anscheinend auf zwei Beinen. An den Füßen, den Händen und dem Kopf hat es kein Fell, ebendeswegen wird es sich dünnen Stoff um den Leib gewickelt haben.“ – „Aber es hat langes, glänzendes Fell auf dem Kopf! Ebendeswegen hat es  sich dort wohl nicht mit Stoff eingewickelt!“ Sie schienen zufrieden mit dieser Beschreibung, denn sie fielen wieder in ein tiefes Schweigen.

Das fremde Wesen nickte langsam. „Kann es sich verständigen?“

Wieder dauerte es ein paar Momente, bis eines der beiden Ebendeswegen antwortete.

„Es schlief ja, als wir es fanden. Ebendeswegen konnten wir es noch nicht fragen.“

„Schläft es jetzt?“

Die Ebendeswegen schienen kurz verdutzt, sie schauten Lara-Sophie an. Diese realisierte nun, dass sie die drei Wesen nun schon die ganze Zeit angestarrt hatte und wandte den Blick ab.

„Nun… nein“, antwortete eines der Ebendeswegen.

„Was bist du?“ Die Frage war nun direkt an Lara-Sophie gerichtet.

Diese schluckte einen schweren Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte hinunter. Erst als das Wesen seine Frage wiederholte, diesmal etwas lauter, öffnete sie den Mund. „Lara-Sophie“ Ihre Stimme klang dünn und zerbrechlich.

Das fremde Wesen legte den Kopf schief. „Du klingt klein. Bist du noch ein Jungtier?“

Die Frage irritierte das Mädchen. Ein Jungtier? So würde sie sich nicht bezeichnen. „Nein…“

„Also bist du ausgewachsen?“

„Nein. Ich bin ein Mädchen. Ein Mensch.“

Es trat eine längere Stille ein.

„Ein Mensch. Davon habe ich noch nie gehört“, antwortete das fremde Wesen schließlich. Es folgte wieder eine längere Stille. Das Wesen schloss dabei sogar seine kleinen Augen und ließ beim Ausatmen ein sehr leises, gleichmäßiges Brummen vernehmen. „Du bist nicht von hier!“, meinte es dann plötzlich. „Woher kommst du?“

„Ich…“ Lara-Sophie war immer noch festgebunden. Sie hatte den Kopf leicht angehoben, aber nun schmerzte ihr der Nacken. Sie ließ ihn zurück auf die Matte fallen. Dann seufzte sie. „Von zu Hause.“

Wieder folgte ein nicht enden wollender Moment der Stille.

„Bindet es los.“

—–

Lara-Sophie lief stumm hinter dem fremden Wesen her und schaute sich immerzu aufgeregt um. Die beiden Gemütlichen Ebendeswegen bildeten die Nachhut.

Sie liefen durch einen Gang. Anders als bisher wurde dieser durch immer mehr Hölzer gestützt. Er war, wie Lara-Sophie schon feststellen konnte, heller als zuvor.  Und er wurde auch immerzu heller. Dann passierten sie eine weitere Biegung und was dahinter kam, raubte dem Mädchen den Atem.

Mit einem Mal endete der Gang und führe die kleine Gruppe in eine Höhle, ähnlich der, wo sie hinunter gefallen war. Doch diese war erfüllt von Leben und von Geräuschen. An den Rändern waren bis an die Decke Holzgerüste aufgebaut, auf denen lauter kleine Wesen standen. Die meisten hatte Lara-Sophie noch nie gesehen, doch konnte sie vereinzelt einige wenige Gemütliche Ebendeswegen ausmachen, genauso wie deren Verwandte, die Zwockeligen Nichtsdestotrotze. Sie standen da, ausgerüstet mit einem Helm und mit einer Spitzhacke, und gruben sich immer tiefer in die Wände. Die Höhle war von einem ständigen Hämmern und Krachen erfüllt. Ergänzt wurden diese ständigen Geräusche durch das Sprechen und Summen der fleißigen Arbeiter.

Nicht alle standen auf den Gerüsten, manche kletterten an ihnen hoch oder herunter, liefen an ihnen entlang, oder mit Eimern quer durch die Höhle um irgendetwas zu bereitstehenden größeren Behältnissen zu befördern. Zwischendrin wuselten kleinere, vierbeinige Wesen umher. Lara-Sophie machte auch das eine oder andere Gelb-gelbe Blütenwusel aus. Bloß dass diese nicht ausschließlich gelb waren und auch nicht um Blüten herum wuselten, sondern ihren Teil taten, um Materialien oder Werkzeug zu befördern.

Erst als sich die Gemütlichen Ebendeswegen hinter ihr räusperten und ihr in den Rücken piksten, merkte das Mädchen, dass sie still stand. Aufgeschreckt riss sie die Augen auf und setzte sich wieder in Bewegung.

Sie folgte dem fremden Wesen bis hinein in einen kleineren Nebenraum, der so beschaffen war, dass entlang der Wände niedrige Sitzgelegenheiten aus Erde angehäuft waren. Das Wesen setze sich  und wies Lara-Sophie, es ihm gleich zu tun. Sie hatte ihre Mühe, es sich bequem zu machen, da sie etwas zu groß für diesen Raum, wie für den ganzen Rest dieser Welt, war. Doch letztendlich saß sie und schaute ihr Gegenüber aufgeregt an. Doch es behielt sich vor, zu schweigen. So lange, bis es Lara-Sophie unangenehm wurde. Und noch etwas länger.

Doch endlich redete es.

„Du musst viele Fragen haben…“

Erneutes Schweigen.

„Aber lass mich dir zuerst vorstellen. Ich bin ein Olifaktorischer Erdschaufler. Und du bist… Lara-Sophie… ein Mädchen… ein Mensch… Was denn nun?“

Der Angesprochenen klopfte das Herz bis zum Halse.

„Ich…“ Ihre Stimme war rau und kratzte, sie musste sich räuspern. „Ich heiße Lara-Sophie, das ist mein Name.“

Der Erdschaufler legte den Kopf schief. „Dein Name? Er klingt ja wie ein gewöhnliches Wort! Du musst wirklich von weit her sein, denn so heißt hier niemand. Aber gut. Und was hat es mit den anderen beiden Bezeichnungen auf sich?“

„Naja, Menschen sind alle, die wie ich sind. Und ein Mädchen bin ich, weil ich jung bin. Und ein Mädchen halt.“

„Mh… Nun gut.“ Das Wesen blieb wieder lange stumm. „Und wo kommst du her? Von zu Hause? Da kommt ein jeder her!“

„Nein, ich…“ Sie stockte. „Von der Oberfläche. Ich bin von der Oberfläche hinuntergefallen.“

„Die Oberfläche…“ Der Erdschaufler schüttelte den Kopf. „Mir gefällt es dort nicht. Das Licht ist zu grell und die Luft zu klar. Mir tun immer die Augen und die Lungen weh wenn ich hoch muss. Hier unten lebt es sich viel besser!“ Zur Bestätigung nickte es ein Mal kräftig. „Aber, wenn du von oben kommst, wieso bist du dann hier? Gefällt es dir hier auch besser?“

„Nun… Ich bin aus Versehen hier gelandet. Ich bin durch ein Loch im Boden runter gestürzt. Und weil ich nicht mehr raus konnte, bin ich den Gängen gefolgt.“

„Das war sicher an der Stelle, wo wir versehentlich zu nah an der Oberfläche gesprengt haben…“ Das Wesen schüttelte den Kopf. „Kann ja keiner ahnen, dass es da oben bei euch so starke Höhenunterschiede gibt! Ein paar Meter weiter wäre die Decke dick genug gewesen…“ Es machte wieder eine Pause.

Und das erste Mal nutze Lara-Sophie diese. „Ihr sprengt?“

Der Erdschaufler schaute verwirrt auf. Er hatte wohl nicht mit einer Gegenfrage gerechnet. „Wie? Nun… ja. Wir sprengen. Bloß immerzu zu schaufeln würde zu lange dauern!“

„Ja. Aber, wonach schaufelt ihr denn?“

Nun machte das Wesen einen beinahe beleidigten Gesichtsausdruck. „Das weißt du nicht? Hier unten, unter der Oberfläche, weiß ein jeder wonach wir suchen! Nach einem Schatz!“

Das Mädchen riss die Augen auf. „Ein Schatz?“

Der Erdschaufler nickte. „Ein Schatz. Wir benötigen Materialien, um unsere Heimat zu vergrößern und auszubessern. Und wo findet man die besser, wie wenn man unterirdisch danach gräbt?“ Er hob seinen Kopf selbstsicher an. „Ich leite die Mission. Weil ich den Schatz riechen kann, dass kann jeder von uns Olifaktorischen Erdschauflern. Allerdings gibt es so wenige von uns, dass sich jeder ein Team aus Helfern zusammenstellen musste“ Er schnüffelte mit seinem spitzen Näschen mit den langen Schnurrhaaren. „Er muss schon ganz in der Nähe sein. Ein paar Rohstoffe haben wir schon gefunden, wertvolle Steine und Mineralien. Aber das war alles sicher erst der Anfang… Noch ein paar Sprengungen und wir erreichen die Quelle! Ich denke, dass wir dann genug haben werden, um die zerstörten Stadtteile wieder aufzubauen!“

Lara-Sophie starrte das Wesen lange an. Sie machte gerade den Mund auf, um etwas zu entgegnen, da stand es auf. „Endschuldige mich, ich werde draußen benötigt.“ Dann schritt es langsam hinaus.

Das Mädchen beobachtete, wie zwei große Wesen sich vor den Eingang der Höhle schoben. Seufzend lehnte sie sich gegen die kühle Wand des kleinen, unterirdischen Raumes.

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2 Gedanken zu „Das Beusch – Teil 15

  1. Nach dem 14. (zwar sehr dichten, aber) in meinen Augen nicht ganz so gelungenen Teil, ist dieser wieder extrem gut! Die Story kommt voran, ist atmosphärisch dicht und liest sich schlichtweg schön. Die eigentlichen Argumente fehlen mir also noch, mir gefällts halt 😉

  2. „So lange, bis es Lara-Sophie unangenehm wurde. Und noch etwas länger“ –> Super Satz! (mittlerweile im whatsapp-Zeitalter angekommen, habe ich das Bedürfnis, hier das Daumen-hoch-Symbol einzustellen …)

    Allgemein kann ich Melmir nur zustimmen – endlich mal wieder was los hier! Endlich vor allem wird der – äußerst geduldige – Leser endlich für seine Geduld belohnt: Das Rätesl beginnt sich zu lösen: die unterirdischen Höhlen und die Erdbeben! Und dann der Schatz, den das olifaktorische Dingsbums sucht … und das immer noch geheimnisvolle Wahrzeichen!!!
    Bin ich eine ganz schlaue, was 😉

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