Das Beusch – Teil 18

Inhaltsverzeichnis

Nun war das kleine Hüpfmeerschweinchen hellwach.

“Ja? Woher?”

“Von hier! Hier hat es eben auch gebebt! Es fühlte sich genauso an wie oben, in Oschatz. Doch als ich zu den Wachen lief, blieben die ganz ruhig. Sie meinte, ich sollte mir keine Sorgen machen, denn wenn sie etwas sprengen, dann passiert nichts.”

“Was? Die sprengen hier etwas?”

“Ja. Um an den Schatz zu kommen. Und als sie eben gesprengt hatten, hat es einen lauten Knall gegeben, einen gewaltigen Rumms, und dann hat die ganze Höhle gebebt!”

“Aber das heißt ja…”

Die beiden schauten sich lange in die Augen ohne etwas zu sagen.

“Und, was machen wir jetzt?!”, rief das Hüpfmeerschweinchen.

Lara-Sophie seufzte. “Bei der Frage bin ich auch hängen geblieben… Also, dieser Erdschaufler, der ist ja der Chef hier. Man müsste ihn davon überzeugen, dass er eure Stadt vernichtet, wenn er so weiter macht… Bloß, wie?”

—–

Man hatte nun schon eine längere Zeit nichts vernommen. Bloß das gleichmäßige Hämmern und Kratzen der Wesen, die auf den Gerüsten arbeiteten.

Plötzlich schrie jemand.

Sofort stellten alle ihre Arbeit ein und blickten sich um. Was war passiert?

Einige Wesen ließen ihr Werkzeug fallen und liefen los, um der Quelle des entsetzten Schreis auf den Grund zu gehen. Andere verharrten in ihrem Schreck still. Hier und da sah man eines sich schütteln, wie um die Gäsenhaut abzuwerfen, die es durchfuhr.

Es war Lara-Sophie gewesen. Zitternd beugte es sich über ihren Freund. “Wach auf!”, schrie sie. Sie schaute auf, das Gesicht rot und die Augen glänzend vor Tränen. “So helft mir doch einer! Er bewegt sich nicht mehr!” Sie schaute wieder hinab, schüttelte ihren Freund. “Steh doch auf!”

Sofort kamen zwei Ebendeswegen mit einer Trage hinein gelaufen. Sie schoben das Mädchen zur Seite, horchten an dem Näschen des Hüpfmeerschweinchens und an seinem Herzchen. Dann schauten sie einander kurz an, nickten und hoben es gemeinsam auf die Trage.

“Was habt ihr mit ihm vor?” Lara-Sophies Stimme zitterte.

“Es versorgen. Wir haben Medikamente. Das Herz schlägt noch.”

“Bitte… lasst mich mit kommen.”

Die beiden schauten einander an, dann zum Erdschaufler, der inzwischen in der Tür stand. Dieser nickte nur.

“Komm, Mädchen.”

“Und ihr anderen”, rief der Erdschaufler, “geht wieder an die Arbeit!”, während die Gruppe die Höhle verließ.

Gerade wollte die Menge sich auflösen, da erschallte ein schrilles Fiepen. Urplötzlich riss das Hüpfmeerschweinchen die Augen auf und rang nach Luft. Die Ärmchen und Beinchen krampften und beinahe wäre es von der Trage gefallen, wenn die Ebendeswegen nicht sofort reagiert hätten. Alle Augen waren auf das Wesen gerichtet. Es warf sich noch ein paar Mal hin und her. Fiepte und quiekte als kämpfe es mit dem Leben. Dann atmete es tief aus, schloss die Augen und rollte sich auf die Seite.

Die Ebendeswegen legten sofort die Trage auf den Boden und horchten erneut an Näschen und Herzchen. “Alles in Ordnung. Dein Freund atmet-” Als sie aufschauten war Lara-Sophie nicht mehr da.

—–

Nur einen Moment lang war alles still. Dann brach lauter Tumult aus. Alle liefen und riefen und wuselten durcheinander. Bis der Erdschaufler mit einem Stab auf den Boden schlug. “Ruhe!” Die Menge gehorchte augenblicklich.

Der Olifaktorische Erdschaufler schien sich ein Mal umzuschauen, nahm seine Umwelt dabei aber mehr über die Nase als die Augen auf. “Danke.” Er wartete noch einen Moment. “Ich weiß nicht, was genau hier los ist. Aber wir müssen dieses Mädchen wieder finden.”

“Sie ist sicher eine Spionin!”, rief ein Wesen aus der Menge. “Und will unseren Schatz stehlen!” – “Ja, wir sind so nah dran!” Wieder setzte ein kollektives Raunen ein. Der Erdschaufler erhob gerade seinen Stab, um ihn wieder auf die Erde zu stoßen.

“Hier bin ich!”, ertönte Lara-Sophies Stimme durch die Höhle und brachte die Menge so zum Schweigen. Einer nach dem anderen fing an, die Gegend mit den Augen abzusuchen.

“Ich hab sie”, rief plötzlich eines der Wesen und zeigte hinauf.

Das Mädchen stand tatsächlich ganz oben auf einem Gerüst. Mit einer kleinen Spitzhacke über der Schulter. Schräg über ihr war ein Loch geschlagen, durch das Licht hinein drang und sie hell erleuchten ließ.

“Wieder zu nah an der Oberfläche”, schimpfte eines der Wesen. Doch der Erdschaufler wies ihn, still zu sein.

“Was willst du?”, rief es hinauf.

“Dass ihr mir zuhört. Und mir glaubt. Durch eure Sprengungen wird die Heimat meines Freundes vernichtet. Die Heimat der Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen. Sie leben in einer Stadt an der Oberfläche – in Oschatz-”

Wieder setzte ein lautes Raunen ein, das sofort verebbte als der Erdschaufler eine seiner Pfoten hob.

“Und wenn wir dir nicht glauben?”

Das Mädchen hob die Spitzhacke und schlug ein Mal zu um die bereits bestehende Öffnung zu vergrößern. “Dann kommt und seht es euch an!”

—–

Man entschied sich dafür, zwei Ebendeswegen und eins von den Wesen, die die Höhle bewacht hatten, hoch zu Lara-Sophie zu senden. Der Erdschaufler konnte sich nicht vorstellen, dass jemand an der Oberfläche wohnen könne. Dort ist es viel zu unwirtlich, die Sonne brennt in den Augen, die Luft schneidet in die Lungen und das Wetter ist viel zu unstet um sich wohl fühlen zu können. Doch er wollte nicht, dass das Mädchen mit ihren unkontrollierten Schlägen die ganze Höhle zum Einstürzen bringt. Sie war tatsächlich wieder zu dicht an der Oberfläche. Schon die letzte Höhle war unter einem lauten Krach eingestürzt, das durfte nicht noch ein Mal passieren. Ach – wie er doch die Oberfläche hasste. Sie war unberechenbar. Hier auf ein Mal zu nah, dort zu weit weg, an einer anderen Stelle so weich, dass sie direkt runter kommt. Und nicht zu vergessen die Stellen, dann denen sie nass wird und ganze Höhlensysteme unter Wasser setzen kann. Nein – auf so etwas unwirtlichem wie der Oberfläche kann mit Sicherheit kein Wesen sein Dasein fristen! Die drei Gesandten würden sicherlich nur kurz zu ihr hochklettern und sie, nach einem kurzen Blick durch die Öffnung, direkt wieder mit runter nehmen. Denn da oben kann nichts sein!

“Da ist tatsächlich was!”, durchschnitt eine Stimme die Gedanken des Erdschauflers.

Da es nicht reagierte, redete das Wesen weiter. “Am Horizont  stehen lauter Häuser.”

Lara-Sophie nickte. “Das ist Oschatz. Da kommen ich und mein Freund her. Und viele andere auch. Und vielleicht könnt ihr auch bestätigen, dass der Boden aufgerissen ist. Dass es lange, tiefe Risse gibt.”

Das Wesen neben ihr nickte. “Ja, es ist tatsächlich so.”

“Ich habe gesehen, wie solch ein Riss ein Haus zum Eistürzen gebracht hat. Und beinahe ein kleines Hüpfmeerschweinchen mitgerissen hätte! Und das war noch vor ein paar Tagen, als ihr noch weiter weg wart. Wer weiß, was inzwischen alles passiert ist…”

Ein leichtes Raunen ging durch die Menge.

“Deshalb bitte ich euch – hört auf mit euren Sprengungen!”

“Aber – der Schatz!” – “Ja, wir sind so nah dran!”

“Bitte. … Sprecht mit dem Rat der Stadt. Ihr findet sicher eine Lösung!”

Der Erdschaufler nickte. “Gut. Wir sprechen mit ihnen. Wenn sie zu uns kommen.” Er blickte hinüber zum Hüpfmeerscheinchen, das wieder in seinem Gefängnis saß. Sobald nämlich Lara-Sophie das Sprechen begonnen hatten, war es ihm wieder pudelwohl gegangen. “Dein Freund bleibt bei uns. Du gehst mit den Dreien, die bei dir stehen, nach Oschatz. Und bringst den Rat zu mir. Ihr habt einen Tag Zeit, bevor wir weiter sprengen.”

Das Wesen drehte sich um und verschwand langsam in einem Nebengang.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Wie immer entschuldige ich  mich für die lange Wartezeit. Und bedanke mich bei allen, die noch dabei sind. „Das Beusch“ ist ein Projekt, das ich auf jeden Fall gerne zu Ende führen möchte. Auch wenn es dauert. Aber es wird nie ganz vergessen.

Vielleicht noch  als Anreiz: Ich habe auch schon ein paar Ideen für kleine Gimmicks zur Entstehung des Beuschs, die ich posten werden, sobald die Geschichte ihr Ende erreicht hat. Da freue ich mich selbst schon sehr lange drauf!

Noch mal vielen Dank an meine Leser und bis zum nächsten Mal! 🙂

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2 Gedanken zu „Das Beusch – Teil 18

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