Gedichtinterpretation: Concrete Jungle – Rootkit (2015)

(Ein Link zum Lied und die Lyrics finden sich am Ende des Posts.)

Das erste, was an „Concrete Jungle“ von Rootkit auffällt ist der treibende Rhythmus, erzeugt durch die Betonung jedes einzelnen Schlages im Vier-Vierteltakt. Auf der 4 finden sich jedoch 2 Schläge, die leicht verschoben zum Grundschlag stehen.

Gegliedert ist das Stück in zwei Teile, die Strophe und der Refrain, der gleich vier Mal wiederholt wird.

Die Strophe zeichnet sich grundsätzlich durch einen gleichmäßigen Trochäus – also einer Folge von zuerst einer betonten, dann einer unbetonten Silbe – aus und endet auf eine stumpfe/ männliche Kadenz, was heißt dass die letzte Silbe betont ist. Doch sind auch leichte Abweichungen zu finden, zum Beispiel wird in der vierten Zeile das Wort „insincts“ länger gezogen und somit heraus gestellt. Und die fünfte Zeile beginnt mit einem Jambus – also einer Folge von zuerst einer unbetonten, dann einer betonten Silbe – , der nach zwei Schlägen durch eine kurze Pause unterbrochen und vom Trochäus abgelöst wird, was die Phrase „‘cause in the end“ besonders herausstellt. Interessant ist, dass die neunte Zeile den gleichen Wortlaut enthält, jedoch das „‘cause“ weglässt, wodurch sich diese Zeile gleichmäßig in den Trochäus einreiht. Bei beiden Zeilen wird das Wort „end“ besonders betont.

Der Refrain fällt durch eine schrittweise Steigerung der Silbenanzahl und des Sprechtempos auf. In der zehnten Zeile kann jede Silbe betont werden. Zeile elf und zwölf werden schon in einen Takt gepresst, so dass wieder der Wechsel aus betonten und unbetonten Silben entsteht. Und die Zeilen dreizehn und vierzehn enthalten sogar mehr Silben als Grundschläge, so dass die Wendungen „turn this place“ (Z. 13), „god damn zoo“ (Z. 13) und „you don’t care“ (Z. 14) zusammengezogen, damit aber auch herausgestellt werden. Gerade das „you“ in „you don’t care“ wird sehr stark herausgehoben.

Der Refrain wird vier Mal wiederholt. Nach dem zweiten und vierten Mal folgt noch jeweils die Wendung „Let’s go“, worauf ein längerer Instrumental-Teil folgt. Währenddessen fällt noch die Aussage „‘Cause you’re an animal too“.

Auf den ersten Moment wirkt das Stück „Concrete Jungle“ von Rootkit sehr gleichmäßig und heruntergebetet. Immer der gleiche Rhythmus, immer die gleichen Aussagen in einer recht gleichmäßigen Stimme… doch bei genauerem Hinhören fallen immer wieder Ausbrüche auf, wie oben erwähnt allein schon bei der Betonung um die Grundschläge, dann durch Verschiebungen im Sprechtempo und bei Pausen und Betonungen, die an ausgewählten Stellen vorkommen.

Inhaltlich erzählt das lyrische Ich hier von seinem Leben und spricht den Leser direkt an. Es berichtet von seinem Arbeitsleben, wo es Tag für Tag arbeitet, oft mehr als 50 Stunden die Woche (Z.2+3). Doch schiebt es das jeweils schnell zur Seite stellt sie seinen Wochenenden gegenüber. Es berichtet, es wäre nur am Wochenende am Leben (Z.11) und könne nicht gefangen gehalten werden (Z. 12), was es sicherlich auf seine sonstige Arbeitswoche bezieht. Nun, da es frei ist, kann es seinen Instinkten folgen (Z. 4). Dies tut es auch, ohne sie zu hinterfragen (Z. 4) und fordert den Leser auf, es ihm gleich zu tun (Z. 8). Es geht sogar so weit, den Leser in seiner Aussage „in the end, we’re just animals“ (Z. 9) mit sich auf eine Stufe zu stellen.

Wir sehen hier eine Welt, in der sich das lyrische Ich den Tieren gleichstellt. Instinktgesteuert sieht es sich im Dschungel der Großstadt in Betonkäfige eingesperrt. Es behauptet, dass das Wochenende es befreien würde. Doch interessant dabei ist die Aussage in Zeile 13:„I’m ´bout tu turn this place into a god damn zoo“. Nachdem das lyrische ich nun die Arbeitswelt hinter sich gelassen hat, beschreibt es seine Freiheit als einen Zoo. Und sich als Tier. Es glaubt nun frei zu sein, doch hat es seinen Käfig nur durch einen anderen Käfig ausgetauscht. Und merkt es noch nicht ein Mal. Das lyrische Ich möchte hier zwei Welten, die es als verschieden sieht, einander Gegenüber stellen, angedeutet durch das Wörtchen „but“ in Zeile 3 und Zeile 11. Doch merkt der Leser schnell, dass es hier einer Illusion aufgesessen ist. Nachdem es sich nun den ganzen Tag schon von Vorgesetzten hat diktieren lassen, was es zu tun hat, lässt es sich dies am Wochenende von seinen Trieben vordiktieren. Herausgestellt wird das auch durch die Betonung des Wortes „insincts“ in Zeile 4. Wichtig ist dem lyrischen Ich nicht sein eigener Wille, sondern seine Triebe, seine Instinkte.

Rootkit zeigt hier deutlich, dass das lyrische Ich zwar meint die wahre Freiheit gefunden zu haben, dies aber gar nicht der Fall ist. Wahrscheinlich weil es für das lyrische Ich zu sehr zur Gewohnheit geworden ist, immerzu eingesperrt zu sein. Zwischendurch versucht es tatsächlich ein paar Ausbrüche, die auch gewährt werden. Aber sofort danach wird es wieder in den gleichmäßigen Rhythmus eingefangen. Immer wieder betet das lyrische ich die gleichen Gedankengänge herunter, so als müsste es sich selbst immer wieder vor Augen führen, dass es frei wäre. Immer getrieben, immer abgelenkt. Nur damit es nicht herausfindet, dass es in Wirklichkeit gar nicht so ist.

Oder aber das lyrische Ich kennt die bittere Wahrheit und versucht sich bewusst davon abzulenken, weil es keine andere Möglichkeit sieht, mit seinem tristen Dasein fertig zu werden.

Sofort denkt der Leser hier an die Literatur der Jahrhundertwende um 1900, an die Epoche des Expressionismus, in der Künstler oftmals ihr Erleben mit dem neuen Lebensraum „Stadt“ beschrieben. Auch hier wurde die Stadt selbst oftmals als ein Organismus dargestellt, lebend, pulsierend. Und der Mensch als ein lebloses Etwas, das durch diesen Organismus getrieben wird. Die Stadt wirkt hierbei oft bedrohlich, der Mensch unpersönlich und tot.

Auch eine Parallele zum gleichnamigen Reaggae-Lied „Concrete Jungle“ (1972) von den Wailers ist erkennbar. Darin geht es um die Tristesse des Lebens in der Großstadt voller Betonhochhäuser, wo das Leben voller Konfusionen und Illusionen und härter ist als sonst wo, und weder Sonne noch Mond scheinen. Obwohl keine Ketten an den Füßen sind, ist man nicht frei. Es gibt keine Zärtlichkeit und Liebkosungen, und man fragt sich dauernd, wo überhaupt Liebe zu finden ist. Die Grundaussage geht also in die gleiche Richtung wie die des hier besprochenen Textes. Nur hat Rootkit sie noch erweitert um den Fakt, dass ein Ausbruch aus dieser Tristesse gesucht wurde und eine scheinbare Lösung gefunden wurde, die aber – wie bereits besprochen – bloß eine weitere Form der Sklaverei darstellt.

Und damit nicht genug, spornt es den Leser dazu an, es ihm gleichzutun. Die Stellen, in denen er ihn direkt anspricht oder miteinbezieht sind oft besonders betont. Er ist von seiner angeblichen Freiheit so sehr überzeugt, dass er sie jedem empfiehlt. Seine Eindringlichkeit hat dabei beinahe schon religiösen, missionarischen Charakter. Alleine in der Strophe kommt der Satz „we’re just animals“ zwei Mal vor (Z. 5+9). Auffällig ist, dass die fünfte Zeile, die ja durch einen leicht veränderten Rhythmus und Pausensetzung hervorsticht, genau in diese Richtung geht. Zunächst scheint das lyrische Ich dafür rechtfertigen zu wollen, dass es seinen Instinkten folgt. Doch sein Argument liegt nicht nur darin, dass es sich als Tier sieht, sondern es schließt seinen Gegenüber direkt mit ein und lenkt den Fokus von sich auf ihn bis es in Zeile 8 zu dem Schluss kommt, dass sein Gegenüber genauso handeln sollte wie er, und zwar aus dem gleichen Grund: „“in the end, we’re just animals“.

Im Refrain wird dann angedeutet, dass sich der Angesprochene schon in der gleichen Tretmühle befindet wie das lyrische Ich. Gerade der Satz am Ende des Refrains, „And I know you don’t care `cause you’re an animal too“(Z. 14), zeugt von einer immer breiter werdenden Akzeptanz und Lethargie. Es ist einem egal, dass es so ist. Man kann es nicht ändern. Warum also nicht mitmachen?

Und in diese Stimmung hinein fällt das auffordernde „Let’s go!“, des lyrischen Ichs, gefolgt von einem treibenden Beat, der die Aussage unterstützt: Denk nicht nach, mach einfach.

Was der Leser hier deutlich vor Augen geführt bekommt: Auf diese Weise lässt sich wirkliche Freiheit nicht erlangen. Doch eine Alternative, eine Lösung wird auch nicht aufgezeigt. Es bleibt die Frage offen: Ist diese Freiheit in unserer Welt zu finden? Oder ist das Verdrängen der Wahrheit und das Sich-Einreden einer Schein-Freiheit von allen faulen Kompromissen noch der, welcher ihr am nächsten kommt?

„Concrete Jungle“ tarnt sich als Electronic Dance Music, ist aber in Wirklichkeit eine sehr düstere, viel zu realitätsnahe Dystopie, die den Leser dazu einlädt, sich intensiv mit seiner eigenen Lebensführung auseinanderzusetzen.

Concrete Jungle
Rootkit (2015)

(1) Yeah
(2) Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, and again
(3) I work 50 plus a week but play as often as I can
(4) I got instincts that I follow, I don’t try to understand
(5) Cause in the end, we’re just animals and I’m ‘bout to represent
(6) Yo, represent, ‘bout, ‘bout to represent
(7) Doing things that they ain’t seen before our time but time again
(8) I unwind by paying homage, honest you should do the same
(9) In the end, we’re just animals and I’m ‘bout to represent

(10) I work 9 to 5 like every day
(11) But I’m alive on the weekend
(12) Can’t be keeping me caged
(13) I’m ‘bout to turn this place into a god damn zoo
(14) And I know you don’t care ‘cause you’re an animal too

I work 9 to 5 like every day
But I’m alive on the weekend
Can’t be keeping me caged
I’m ‘bout to turn this place into a god damn zoo
And I know you don’t care ‘cause you’re an animal too
Let’s go

‘Cause you’re an animal too

I work 9 to 5 like every day
But I’m alive on the weekend
Can’t be keeping me caged
I’m ‘bout to turn this place into a god damn zoo
And I know you don’t care ‘cause you’re an animal too

I work 9 to 5 like every day
But I’m alive on the weekend
Can’t be keeping me caged
I’m ‘bout to turn this place into a god damn zoo
And I know you don’t care ‘cause you’re an animal too
Let’s go

‘Cause you’re an animal too

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