Das Beusch – Teil 21

Inhaltsverzeichnis

Der erstaunt-ehrfürchtige Blick des kleinen Wesens ruhte noch zwei Momente auf dem Beusch, dann drehte es langsam den Kopf, bis es der kleinen Lara-Sophie geradewegs in die Augen schauen konnte.

„Du kennst das Beusch?“

„Nun ja… ich… ich habe schon mal davon gehört…“

Das Hüpfmeerschweinchen schüttelte langsam den Kopf. „Du bist ein komisches Wesen. Erst kennst du die Fluffelknuffel, ohne sie zu kennen. Und jetzt das gleiche mit dem Beusch.“

Das kleine Mädchen schaute beschämt zu Boden. „Ja… nun ja… Würdest du mir denn erklären, was es mit dem Beusch auf sich hat?“

Ihr Freund pfiff einmal vergnügt und wollte gerade ansetzen, als es aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Rathaus wahrnahm.  „Warte, gleich“, fing es an, „ich glaube unser Bürgermeister kommt gerade hinaus.“

Und in der Tat, er wurde noch von seinen Beigeordneten begleitet, von dem Olfaktorischen Erdschaufler und von seinen Kumpanen. Diese hielten sich automatisch die Hände vor die Augen und schimpften über die Helligkeit der Straßenlaternen.

Dann wurden noch ein paar Worte gewechselt, freundliche Grüße ausgetauscht, und eine Verlautbarung an der Bekanntmachungstafel angebracht. Als nächstes wurden alle anwesenden Bewohner von Oschatz zusammengerufen und gebeten, die Bekanntmachung möglichst schnell weiterzutragen: Jeder soll sich in einer Stunde auf der grünen Wiese vor Oschatz einfinden. Es wird nämlich diese Nacht ein großes Fest geben, auf dem alles erklärt wird, was nun besprochen worden war. Und am nächsten Tag darf jeder ausschlafen.

Mit einem freudigen Quieken liefen die anwesenden Hüpfmeerschweinchen auseinander und riefen die frohe Nachricht laut durch alle Gassen von Oschatz.

Am Ende standen nur noch Lara-Sophie und ihr Begleiter auf dem Platz.

„Willst du es sehen?“, fragte er unvermittelt.

„Was?“ Sie schaute immer noch erstaunt dahin, wo vor einer Sekunde noch ein Gewimmel kleiner Wesen waren, nun aber gähnende Leere herrschte.

„Das Beusch.“

„Habe ich doch eben.“

„Nein, nein“. Lara-Sophies kleiner Freund schüttelte sein Köpfchen. „Das ist doch nur eine Skulptur. Ich rede von dem Original.“

Lara-Sophie nickte erst abwesend, dann schien sie den Inhalt der Worte zu verstehen und riss die Augen auf. „Das… Original… Das… echte… leibhaftige… Beusch??“ Sie musste schlucken. Wie kann das sein? Letztens war es doch noch in ihrem Schlafzimmer gewesen. War es auch über den Regenbogen hier hin gelangt? Einen Tag vor ihr? Nein, das machte keinen Sinn, die Statue von dem Beusch sah schon viel, viel älter aus. Die Bewohner von Oschatz mussten es schon lange kennen. Das alles verwirrte das kleine Mädchen sehr, so dass ihr beinahe schwindelig wurde.

„Ja, das echte, leibhaftige Beusch.“ Das Schläfrige Hüpfmeerschweinchen hob voller Stolz das Schnäuzchen. „Na komm schon, die Chance gibt es nur bei uns in Oschatz!“ Und mit diesen Worten schritt es stolz auf das Rathaus zu. Lara-Sophie folgte ihm, aber mehr in Trance als im Wachzustand.

Wahrscheinlich sind sie ins Rathaus hinein und eine Treppe hinunter gegangen. Aber jedenfalls standen sie nun in einem kleinen Raum, der komplett mit rotem Samt ausgekleidet war. In der Mitte stand eine goldene Säule, sonst war der Raum leer. Und auf dieser Säule lag eine Art plüschige Kugel, die nun Lara-Sophies volle Aufmerksamkeit genoss. Bei genauerem Hinsehen war sie nicht genau kreisförmig, sondern eher eckig. Halt sehr eckig, so dass sie beinahe wie eine Kugel aussah. Lara-Sophie schaute auf ihre Hände und erinnerte sich daran, wie kratzig sich das Beusch angefühlt hatte, obwohl es so plüschig aussah. Erst vor wenigen Tagen hatte es genauso in ihrem Keksteller geruht. Und jetzt lag es hier auf dieser Säule, unter einer Glaskuppel. Als wäre es schon immer hier gewesen und hätte nie woanders hin gehört.

„Weißt du, man erzählt sich bei uns folgende Geschichte:“, fing das kleine Hüpfmeerschwinchen an, ohne den Blick vom Beusch anzuwenden, „bevor es die Stadt Oschatz überhaupt gegeben hatte, waren unsere Vorfahren Nomaden gewesen. Und zwar keine Gewöhnlichen, oh nein! Sie reisten quer durch verschiedene Welten. Sie landeten plötzlich irgendwo und fanden dort grundsätzlich jede Menge Kekse. Sie fraßen sie, weil sie jedes Mal ziemlich hungrig waren, und ihrem Instinkt gemäß hüpften sie derweil. Kaum neigten sich die Kekse dem Ende zu, da wurden sie auch schon ganz schläfrig. Und sobald der letzte Keks gegessen war, so fielen einem nach dem anderen die Äuglein zu. Und wenn sie das nächste Mal erwachten, waren sie wieder woanders. So sahen sie die verschiedensten Welten, aber immer gab es Kekse. Man erzählte sich damals, es gäbe etwas, was sie führt und beschützt. Sie nannten es „Das Beusch“. Und irgendwann wurde es zu ihrer Lebensaufgabe, dieses Beusch zu finden. Das Reisen unserer Vorfahren bekam mit einem Mal einen Sinn.

Es dauerte mehrere Generationen. Immerzu passierte dasselbe. Doch langsam schien sich etwas zu verändern. Langsam zwar, so dass es keinem auffiel, doch führte es schließlich zu diesem einen, alles veränderten Augenblick.

Es war wohl so gewesen, dass die Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen mit jedem Mal weniger hüpften und so auch weniger schläfrig waren.  Erst fiel es ihnen gar nicht auf. Doch bei jedem neuen Aufenthalt gab es mehr Schweinchen, die noch wach waren, obwohl die Kekse schon leer waren und noch ein paar Worte wechseln konnten, bevor auch sie einschliefen. Und eines Tages sprachen so einige Hüpfmeerschweinchen miteinander, als ein Licht erschien. Erst fiel es ihnen gar nicht sonderlich auf, doch das Licht wurde immer heller und die Helligkeit wurde auch immer bunter. Bis es in allen Farben des Regenbogens schimmerte. Und im nächsten Moment gab es ein Blitzen und vor ihnen erschien ein kunterbunter, glitzernder Regenbogen! Es war der Kicherregenbogen, wie sie ihn später nannten. Und damit nicht genug, der Regenbogen lief gegen eine Art Portal. Eine ovale Fläche, die wie eine Seifenblasenhaut schillerte und hinter der man schon sanft die Umrisse einer fremden Welt sehen konnte.“

Lara-Sophie traute ihren Ohren nicht. Der Mund stand ihr weit offen und sie nickte bloß mechanisch, als sie all das anhörte, was sie mit eigenen Augen gesehen und an ihrem eigenen Leib erlebt hatte.

„Naja unsere Urahnen kannten das nicht. Sie waren ziemlich aufgeregt und fiepten und surrten durcheinander. Dadurch wurden dann auch die wach, die doch noch eingeschlafen waren. Und schließlich traute sich der erste, das fremde Etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Es stellte sich heraus, dass sie durch die Seifenhaut in diese fremde Welt gelangen konnten – in unsere Welt. Sie liefen über den Regenbogen und am Ende fanden sie …“ Lara-Sophies Freund machte eine Kunstpause und sah sie triumphierend an, bevor er voller Enthusiasmus schloss: „… einen Schatz!

Oder „Oa Schatz!“, wie einer der Hüpfmeerschweinchen damals lauf rief. Dies war nach der Überlieferung der erste Ausruf, der in dieser Welt getätigt wurde. Du kannst dir sicher denken, dass der Name unserer Stadt daher ruht.

Zu Fuße des Regenbogens lagen Steine, Metalle, Erze. Manches davon sah einfach nur schön aus, anderes sehr wertvoll und wieder anderes konnte wunderbar als stabiles Baumaterial genutzt werden. Und mitten drin thronte majestätisch, stumm und regungslos unser Beusch.

Schnell wurde man sich einig, dass das Ziel der Wanderung nun erreicht war und man an diesen Schatz geführt worden war, um daraus eine Stadt zu bauen.

Das Beusch bekam eine Statue und liegt seitdem im Rathaus. Genauso wie der Rest der Schätze – es wurde überliefert, dass man nur einen Bruchteil bisher antasten musste, um Oschatz zu erbauen und instand zu halten. Der größte Teil des Schatzes liegt also noch in den Kellerräumen unseres Rathauses.

Und so, wie das Beusch uns hier hin führte, so wacht es weiter über uns und sorgt für alles, was wir brauchen!“

Zum Abschluss der Geschichte war es dem Mädchen so, als hätte das Beusch leise geschnurrt. Wie zur Zustimmung. Lara-Sophie musste kichern.

Dann gingen sie zusammen wieder hinauf.

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