Das Beusch – Teil 22

Die Stadt selbst war wie ausgestorben. Doch je näher die beiden Freunde an den Stadtrand kamen, desto mehr Geräusche freudigen Treibens hörten sie: Da war ein buntes Raunen, Fiepen, Quieken, Kichern und noch mehr Geräusche die die bunte Einwohnerschaft von Oschatz im Gespräch hervorzubringen vermag.

Als Lara-Sophie und das Hüpfmeerschweinchen das letzte Haus hinter sich gelassen hatten und freien Blick auf die bunte Gesellschaft hatten, kam unwillkürlich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Nicht nur die Einwohner von Oschatz saßen hier zusammen, mitten unter ihnen hatten sich auch all die Wesen aus dem Untertagebau gemischt. Sie saßen alle beieinander und unterhielten sich angeregt, wohl über ihre ach so unterschiedlichen Welten. Etwas abseits war ein großes Lagerfeuer an dem Kekse und Fluffelknuffel an Stöcken gebacken wurden. Und auch die Gäste mussten eine Delikatesse aus ihrer Welt mitgebracht hatten, denn zwischen den bekannten Düften mischte sich auch ein neuer. Er war etwas schwerer und auch würziger als die, die Lara-Sophie von hier gewohnt war. Aber nichtsdestoweniger roch er verführerisch lecker.

Am Kopfe der bunten Runde hockten nebeneinander der Bürgermeister von Oschatz und der Olfaktorische Erdschaufler. Die beiden waren auch intensiv ins Gespräch vertieft, prosteten sich immer wieder zu und lachten dabei ganz vergnügt.

Die kleine Lara-Sophie lächelte und freute sich über all die Eintracht. Doch gleichzeitig hatte sie auch ein etwas flaues Gefühl im Bauch, als wäre das Ganze zu absurd um wahr zu sein. Denn, waren sie und ihr Freund nicht eben erst bei diesen Wesen eingesperrt gewesen? Hatten diese nicht durch ihre Grabungen Oschatz beinahe zum Einsturz gebracht? Jetzt, da sie die Geschichte von Oschatz kannte, verstand Lara-Sophie auch, wieso es so schrecklich gewesen wäre, hätten die Risse das Rathaus erreicht. Was wäre bloß aus dem Beusch und den Schätzen geworden, wenn es eingestürzt wäre? Bei diesem Gedanken schüttelte sie sich.

Doch die dunklen Phantasien des Mädchens wurden abrupt durch einen schrillen Pfiff unterbrochen.

Sofort verstummte die gesamte Gesellschaft und alle Blicke waren auf den Bürgermeister und den Erdschaufler gerichtet.

„Mädl“, rief erstgenannter, „danke! Du bisch oi echdr Held!“

Sofort quiekten alle Anwesenden schrill durcheinander und stampften freudig mit ihren Pfötchen.

„Mir han heud vil Neies kenna glernd.“, fuhr er fort, „Neie Welda, neie Wesa. Und lang mid ihna gebabblelt. Mir wissn jedzd, wohr die Bebn kommn. Und dess sie ab soford uflosa werdn!“

Bei diesen Worten stimmte die Bevölkerung von Oschatz wieder in wilden Jubelruf ein und ihre Gäste folgten ihnen nach und nach.

Der Bürgermeister wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war, und fuhr dann fort: „Bvor i jedoch erkläre, wie’s dazu kam mog sich mai Freind dahana vielleichd kurz vorschdelln ond vo sainr Weld brichdn.“

Mit diesen Worten blickte der Bürgermeister zum Olfaktorischen Erdschaufler und nickte ein Mal.

Dieser hielt seinen Kopf noch ein paar Momente auf den Bürgermeister gerichtet. Er war ganz still, bloß das Näschen bewegte sich unaufhaltsam. Erst als er sich sicher sein konnte, dass der Bürgermeister geendet hatte, drehte er seinen Kopf in Richtung der Menge, verharrte auch so noch einen Moment und räusperte sich dann. „Vielen Dank“, fing er an, „vielen Dank, dass wir alle hier sein dürfen und ihr uns nun so nett aufgenommen habt. Und das trotz allem, was bisher geschehen ist.“

Der Erdschaufler redete sehr bedächtig, als würde er jedes seiner Worte ganz genau auswählen, und machte an passenden Stellen auch manche kurze Pause, während der er noch intensiver in Richtung seiner Zuhörer schnupperte.

„Ihr fragt euch sicher, wer wir überhaupt sind und woher wir stammen. Unsere Heimat heißt Unter-Talstadt, was ein paar Höhenmeter unter Talstadt liegt und dazu mehrere Tagesreisen von euch entfernt. Wie ihr sicher schon mitbekommen habt, leben wir unter der Erde in Höhlensystemen. Ich habe schon erfahren, dass euch dieser Gedanke genauso fremd ist wie uns der, dass ihr über der Erde lebt. Lange konnten wir dort glücklich und sorgenfrei leben. Doch vor etwa einem Jahr begannen sich erste Probleme einzustellen. Unsere Bevölkerung war sehr gewachsen. Langsam reichten die Behausungen in Unter-Talstadt, Talstadt und Ober-Talstadt nicht mehr aus, um alle Bewohner aufzunehmen. Wir versuchten also, unsere Siedlung zu erweitern. Das war an sich erst mal keine schwere Übung, im Bau von stabilen Höhlensystemen sind wir unangefochtene Meister. Doch schon nach kurzer Zeit gingen uns die Rohstoffe zum Bau neuer Behausungen und zum Abstützen der Höhlen aus. Unsere Bauleute versuchten es mit minderwertigen Materialien, doch die hielten nicht lange stand. Noch während des Baus einer neuen Behausung gab es meistens schon erste Risse. Und viele stürzten bald komplett ein. Immer mehr Bewohner von Talstadt und den umliegenden Orten waren gezwungen, auf freien Flächen zu leben und zu schlafen. Oder sich mit mehreren Familien in ein Häuschen zu quetschen.

Natürlich hatten wir viele Arbeiter, die in umliegenden Mienen nach Rohstoffen gruben, doch es gab nicht annähernd genug, um unseren Bedarf zu decken. Folglich wurde ein Gremium gegründet, um sich dem Problem anzunehmen. Nach langem Diskutieren entschloss man sich, Teams zu bilden, die neue Rohstoffvorkommen auftun sollten. Diese wurden jeweils angeführt von einem Olfaktorischen Erdschaufler, denn wir sind in der Lage, gute Rohstoffe über eine weite Entfernung zu erschnuppern. Und so fingen wir an, uns über alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Ich nahm auch recht schnell eine Fährte auf und wir kamen durch unsere Bergbauarbeiten dem Geruch immer näher. Nun, bis das Mädchen, Lara-Sophie, aufkreuzte. Sie war es, die uns erklärte, dass an der Oberfläche ebenfalls Wesen leben. Und dass wir durch unsere Arbeiten ihr zu Hause zerstören würden.“ Er machte eine Pause. „Bitte seid versichert: Das alles tut uns schrecklich Leid. Wir handelten aus Unwissen. Und deshalb sind wir jetzt hier. Damit das aufhört. Denn wir haben zum Teil selbst erfahren müssen, wie schlimm es ist, sein zu Hause zu verlieren.“

„Danke“, sagte der Bürgermeister von Oschatz, „Danke, dess ihr komma seid ond mir übr älles schwätza konnda. I will nur noch kurz zsamma fassa, was mir bschlossa han. Die Rohschdoffe, die unsr Freind grocha had, wara dadsächlich unsere Schädze, die seid Jahrzehndn in unserem Rathaus lagern. Mir alle wissn, dess mir gnug davo han, um Oschadz no weidere zwanzich Male ufbaua zu könna! Deshalb han mir bschlossn, unsera Freinda sovil abzugebn, wie sie zom Bau ihrr Schdadd bnödign! Denn so werdn die Bebn uflosa. Und unsere neia Freind könna ebenfalls ihr dahoim rebariera.“

Einen Moment lang herrschte absolute Stille. Die Wesen brauchten einen Moment um zu realisieren, was gerade geschiehen war. Dann brach tosender Applaus von allen Seiten aus. Ab sofort würden die Beben aufhören! Es herrschte keine Gefahr mehr für die Bewohner von Oschatz. Und auch die Einwohner von Talstadt konnten nun freudig einer gesicherten Zukunft entgegen schauen.

„Danuff oi Rund Flufflknuffl!“, rief einer der anwesenden Hüpfmeerschweinchen und sofort sprangen die Grillmeister an das Lagerfeuer und bereiteten die köstlichen Leckereien für alle Anwesenden.

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