Das Beusch – Teil 23

Inhaltsverzeichnis

Lara-Sophie hatte sich die Rede des Bürgermeisters noch einmal erklären lassen, weil sie beim besten Willen nicht alles verstanden hatte. Aber jetzt wusste auch sie, dass die Bewohner von Oschatz den Bewohnern von Talstadt etwas von ihren Schätzen abgeben wollten, damit diese ihre Stadt reparieren konnten und nicht mehr weitere Sprengungen und Grabungen vornehmen mussten. Lara-Sophie fand das außergewöhnlich großmütig und war sehr guter Dinge bezüglich der Zukunft all ihrer neuen Freunde. Auch der Verzehr jeder Menge Kekse, Fluffelknuffel und auch „Ardjes“, wie die Spezialität aus Talstadt hieß, trugen ihren Teil dazu bei. Und so war sie so sehr damit beschäftigt, glücklich zu sein und sich zu unterhalten, dass sie zuerst gar nicht mitbekam, wie die Bewohner von Unter-Talstadt unruhig wurden. Auch nicht, dass sich immer mehr von ihnen, die Pfoten schützend vor die Augen legten. Und dann die ersten anfingen, unter den Tischen nach Schutz vor der Helligkeit zu suchen. Die wachsende Helligkeit selbst bekam die kleine Lara-Sophie auch nicht mit. Erst als sich auch die Hüpfmeerschweinchen aus Oschatz unruhig umschauten, da wurde sie aufmerksam.

„Nanu“, fragte sie halblaut, „ist es etwa schon so früh?“

Doch dann schüttelte sie den Kopf. Sie waren doch erst wenige Stunden hier, wenn überhaupt. Es müsste noch mitten in der Nacht sein!

Gerade als wirklich jeder dabei war, sich über die plötzliche Helligkeit zu wundern gab es ein grelles Blitzen.

Danach war es wieder dunkler. Aber immer noch nicht so dunkel, wie es sein müsste.

Neugierig stand das Mädchen und mit ihr einige Hüpfmeerschweinchen auf. „Was kann des sei?“, rief eins. „Lasst es uns herausfinden“, entgegnete das Mädchen. Dann stiefelte sie los und ein paar der Hüpfmeerschweinchen folgten ihr. Sie mussten schon eine Weile gehen, denn das Leuchten war von der anderen Seite der Stadt gekommen. So hatten die Hüpfmeerschweinchen auf dem Weg die Möglichkeit, die verschiedensten Theorien durchzusprechen. Doch die Realität war zu absurd, als dass einer sie in Betracht gezogen hätte.

Nachdem sie um die letzte Biegung gegangen waren und das letzte Haus von Oschatz hinter sich gelassen hatten, sahen sie die Quelle des eigenartigen Leuchtens.

Die Hüpfmeerschweinchen hatten schon oft davon geredet. Und trotzdem sie es noch nie gesehen hatten, erkannten sie es sofort und verharrten in ehrfürchtigem Schweigen.

Für Lara-Sophie hingegen war es ein Wiedersehen. Einen Moment war sie wie gelähmt. Dann brach sie in wilde Freudentränen aus.

Sie alle sahen nichts weniger als den Kicherregenbogen.

—–

Das kleine Mädchen traute sich nicht mehr, den Regenbogen aus den Augen zu lassen, aus Angst, er könnte erneut verschwinden. Sie beobachtete genau das Wabern des Portals und erkannte dahinter ihr Bettchen und ihr Nachttischchen.

So sehr sie sich freute, nach Hause zu kommen, so sehr war sie aber auch traurig, ihre neuen Freunde schon wieder verlassen zu müssen. Sie bestand darauf, allen persönlich auf Wiedersehen zu sagen. Und so kam es, dass eines der Hüpfmeerschweinchen geschickt wurde, die übrigen Bewohner von Oschatz, aber auch von Talstadt herbeizurufen. Die Letzteren bekamen kurzerhand Sonnenbrillen aufgesetzt, um dem Leuchten standhalten zu können.

Als alle beisammen waren, erklärte das Mädchen mit Tränen in den Augen, dass sie nun nach Hause gehen wird. Und dass sie sehr, sehr glücklich ist, so viele neue Freunde gefunden zu haben. Ihr fiel es schwer, die paar Sätze am Stück zu sagen, sie musste immer wieder Schluchzen. Dann wünschte sie noch den Bewohnern von Oschatz und Talstadt alles Gute und dass sie auch alle gemeinsam gute Freunde werden.

Als nächstes gingen der Bürgermeister und der Erdschaufler zu dem Mädchen und bedankten sich herzlich für alles, was sie getan hatte. Sie bedankte sich artig zurück und meinte, dass sie doch gerne geholfen hätte. Dann winkte sie noch einmal in die Runde und stapfte los.

Gerade wollte sie den Regenbogen hinauf gehen, da fiel ihr Blick noch auf ihren kleinen Freund mit der Brille und der Krawatte. Er stand ein wenig abseits und schaute die kleine Lara-Sophie mit lebhaften Augen an. Da wandte sie sich von dem Regenbogen ab, drehte sich zu ihrem Freund und hockte sich hin, wie bei ihrer ersten Begegnung. „Danke“, sagte sie nur, dann nahm sie ihn fest in die Arme.

Ihr Freund vergrub fest sein Schnäuzchen in ihren Hals. Und so verharrten sie noch einen Moment. Bis er zuerst den Kopf hoch und leise meinte: „Du musst los, bevor der Regenbogen wieder verschwindet.“

Die kleine Lara-Sophie nickte zaghaft und stand langsam auf. Ihre Augen waren gerötet, doch auf ihren Lippen lag ein breites Lächeln. „Danke ihr Lieben“, rief sie noch, dann stieg sie den Kicherregenbogen hinauf.

—–

Als die kleine Lara-Sophie die Augen öffnete war es taghell. Und tatsächlich schien die Sonne durch ihr Fenster und kitzelte ihr Näschen. Sie reckte sich und setzte sich auf. Sie saß auf ihrem Bettchen, neben ihr stand ihr Nachttischchen und gegenüber war ihre Kommode. Nirgendwo waren Anzeichen von Schläfrigen Hüpfmeerschweinchen oder von Keksen. Auch die Wand gegenüber sah aus wie immer, ganz ohne Portal oder Kicherregenbogen.

Aus Neugierte öffnete sie ihr Nachtschränkchen. Auch darin fand sie nichts Ungewöhnliches.

Dann stand Lara-Sophie auf und lief die Treppe hinunter. Sie bog schwungvoll um die Kurve und blickte dem Tischchen dort erwartungsvoll entgegen. Dort stand ein Teller aus feinem Porzellan, der über und über mit kleinen Blüten in ganz zarten Pastellfarben bedacht war. Darauf lagen jede Menge wunderschön angeordnete Kekse. Als Untergrund diente ein ebenso zart geblümtes, mit feinen Spitzen besetztes Deckchen. Drum herum lagen ein paar kunstgerecht angeordnete Blümchen und eine Lichterkette, die ein sehr warmes, wohliges Licht von sich gab. Lara-Sophie fand, dass das Ganze wirklich wundervoll aussah und sie lächelte zart. Das Mädchen zweifelte keinen Moment daran, dass das Beusch ihr all die Kekse, die sie investiert hatte, wieder zurück geschenkt hatte. Als Dankeschön. „Gerne geschehen“, murmelte sie. Dann zog sie die Lichterkette aus und räumte alles ein letztes Mal fein säuberlich an seinen angestammten Platz zurück.

~~~~~~

Ja ihr Lieben, das waren tatsächlich die Schlussworte vom Beusch.

Es fühlt sich tatsächlich ein wenig so an, als würde eine Ära zu Ende gehen.

Das Beusch ist kein langer Roman geworden, aber mit 21.649 Worten ist es doch auf jeden Fall mehr als eine Kurzgeschichte. Noch dazu, dass es ja mehr als einen in sich geschlossenen Handlungsstrang hat. Ich denke, am ehesten kann ich Das Beusch als eine Novelle bezeichnen. Was mich freut, denn das Wort „Novelle“ klingt irgendwie viel schöner als „Roman“.

Dabei danke ich allen meinen Lesern und Kommentatoren, die mir sehr geholfen und mich angespornt haben. Vor allen Dingen nach dem 5. Teil. Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle das Geheimnis mit dem Beusch lüften und das Mädchen heim schicken. Dann wäre Das Beusch tatsächlich bloß eine Kurzgeschichte geworden. Mich freut es, dass es nun nicht so ist.

Und ein sehr großer Dank geht natürlich an den Fredfater Bastian Melnyk, der mir ja erst die Idee für diese herrlich absurde Geschichte geliefert hat (welche ich dreist klaute und ausbaute).

Ganz abgeschlossen habe ich mit dem Beusch natürlich nicht. Ich werde die nächsten Wochen noch ein paar Extras hochladen, die sich während des Entstehungsprozesses so angesammelt haben. Und ich schließe auch nicht aus, dass ich den Text noch ein Mal überarbeiten werde.

Trotz alledem fühlt es sich schon gut an, zu sagen: Meine Novelle steht! 🙂

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4 Gedanken zu „Das Beusch – Teil 23

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