Die Fahndungsmeldung

„Der Verdächtige befindet sich immer noch auf der Flucht. Er ist etwa 1,85m groß, hat kurze schwarze Haare, blaue Augen, einen Dreitagebart und trug zuletzt einen dunkelblauen Kapuzenpulli. Sachdienliche Hinweise können direkt der Polizei gemeldet werden. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Es folgt ein Beitrag…“

Liz seufzte. „So einen würde ich auch nicht wegschicken…“ 
Dann raffte sie sich auf und fing an, die Theke abzuwischen.
Sie war gerade allein. Ihre Kollegin Susan machte noch Pause. Und da es draußen in Strömen regnete, liefen bloß ein paar abgehetzte Regenschirme an dem Schaufenster mit der Aufschrift „Lieblingscafé“ vorbei.
Die junge Frau schaute rauf auf die Uhr. In zwanzig Minuten müsste Susan zurück sein.
Das Klingeln der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Ein junger Mann trat ein. Er klappte seine Kapuze zurück und schaute sich kurz um. Als ihre Blicke sich trafen lächelte er beschämt. „Ich hoffe, das wird irgendwann auch wieder aufhören da draußen“, meinte er bloß und setzte sich an einen Platz direkt neben der Tür.
Liz hob einen Mundwinkel. „Ja das wäre großartig.“
Sie gab ihm einen Moment, um die Karte zu studieren, bevor sie an seinen Tisch kam und ihren Standartsatz aufsagte.
„Herzlich willkommen im Lieblingscafé. Haben Sie schon etwas ausgesucht? Heute empfehlen wir frischen Apfelkuchen.“ Dabei deutete sie auf die noch unangerührte Auslage.
„Ja, das klingt gut. Dazu einen Espresso bitte.“
Sie nickte und verschwand hinter der Theke. Es war schön, dass endlich jemand da war. Ohne Gäste zog sich die Zeit wie Kaugummi. So hatte sie wenigstens was zu tun. Vorsichtig schaute Liz nach oben, während sie den Espresso abfüllte. Schon beim Reinkommen waren ihr seine eisblauen Augen aufgefallen. Sie wurden perfekt durch seine kurzgeschnittenen schwarzen Haare, die durch die Nässe strähnig durcheinander fielen, unterstrichen. Das kantige Gesicht wurde durch einen Dreitagebart, der nicht zu getrimmt und trotzdem sehr gepflegt aussah, eingerahmt.
Der tät mir auch gefallen, dachte sich die junge Frau. Dann schüttelte sie, amüsiert über sich selbst, den Kopf.
Mit einer Hand griff sie nach einem Teller für den Kuchen. Etwa 1,85m groß. Mit der anderen nach dem Tortenheber. Kurze schwarze Haare. Routiniert beförderte sie ein Stück Kuchen auf den Teller. Blaue Augen. Vorsichtig stelle Liz erst den Teller, dann die Espressotasse auf ein kleines Tablett. Dreitagebart. Sie bog um die Theke und steuerte auf den Tisch ihres Kunden zu. Dunkelblauer Kapuzenpulli. Langsam stellte Liz das Tablett ab und räumte Teller und Tasse auf den Tisch.

Verdammt.
Liz lächelte den jungen Mann verlegen an, er lächelte zurück und griff nach seiner Tasse. Dann drehte sie sich um und verschwand hinter der Theke.
Verdammt. Verdammt. Verdammt. Das ist der Typ vom Radio. Ein Verdächtiger auf der Flucht. Verdächtig für was? Hab ich natürlich nicht mitbekommen. Das könnte alles sein, ein Bankräuber, ein Mörder vielleicht. Ach verdammt.
Sie blickte rüber zu dem jungen Mann.
Naja, schwarze Haare, Kapuzenpulli, blaue Augen… die Beschreibung trifft sicher auf mehr als einen zu. Vielleicht ist er es gar nicht. Vielleicht ist das alles nur ein dummer Zufall. Vielleicht…
Der Verdächtige stand auf und griff nach seiner Umhängetasche, die er unter seinen Tisch gestellt hatte. „Die Toilette ist hinten?“, fragte er.
Liz nickte und zeigte in die entsprechende Richtung. „Klar, können Sie nicht übersehen.“
Er schaute kurz runter zu seinem halb aufgegessenen Kuchen. „Passen Sie auf, dass mir den keiner weg isst.“ Dann zwinkerte er und verschwand nach hinten.
Er hat seine Tasche mitgenommen. Ok, ich würde meine Wertgegenstände auch mit aufs Klo nehmen, wenn ich alleine wäre. Das ist an sich nicht verdächtig. Oh Mann was soll ich bloß tun…
Liz stellte sich vor, der junge Mann hätte die Tasche stehen gelassen. Sie hätte einen Blick hinein riskiert. Und wenn sie darin einen Haufen Geld gefunden hätte? Oder eine Waffe?
Liz musste sich kurz an der Theke abstützen.
Ok. Was ist jetzt vernünftig? Susan müsste in 10 Minuten zurück kommen. Ich kann hier nicht so lange mit dem alleine sein und nichts machen. Was ist wenn er der Gesuchte ist? Ich muss die Polizei anrufen… Und wenn er es nicht ist? …
Sie schüttelte den Kopf.
Wenn er wiederkommt, dann geh ich kurz ins Hinterzimmer. Ein kurzer Anruf. Was ist schon dabei? Versuch ruhig zu bleiben. Versuch normal zu wirken.
Liz hatte bemerkt, wie ihr Atem immer schneller und flacher ging und ihre Hände zitterten. Sie waren kalt und wurden langsam feucht.
Ruhig. Normal. Ruhig. Normal.
Die junge Frau bemühte sich, langsam und tief zu atmen.
Er war nur wenige Minuten weg gewesen, die kamen Liz aber wie eine Ewigkeit vor.
Sie bemühte sich, entspannt zu lächeln.
„Alles noch da.“
„Vielen Dank.“ Er lächelte und setzte sich wieder.
Verdammt sieht der gut aus!
Sie verfluchte sich selbst innerlich für diesen Gedanken.
Dann raffte sie sich auf und meinte halblaut: „Bin gleich wieder zurück“. Es sollte so aussehen, als würde sie wegen einer ganz banalen, normalen Sache wie selbstverständlich nach hinten gehen.
Als sie die Tür zum Mitarbeiterzimmer hinter sich verschlossen hatte, atmete Liz einmal tief durch. Sie griff nach ihrem Handy und wählte die 110. In dem Moment ging die Glocke der Eingangstür. „Verdammt“, murmelte sie. Dann hob ein Beamter ab.
Sie fasste in groben Zügen die Radiomeldung zusammen. Dass genau so jemand hier saß. Dann, wo sie sich befand.
Der Beamte meinte sie solle sich ganz ruhig verhalten. Nicht auffällig. Und das Gebäude am besten verlassen.
„Ja… würde ich gerne. Ist es ein ein Problem, dass wir zu dritt hier drin sind und der einzige Weg nach draußen direkt an ihm vorbei führt?“
„Wer ist außer Ihnen noch da?“
„Ich weiß es nicht. Ich bin im Hinterzimmer und die Person kam eben erst rein. Wenn ich einfach gehe ohne sie zu bedienen, ist das dann nicht auffällig?“
Der Beamte war einen Moment still. Dann hörte sie, wie er mit jemandem redete, konnte aber nichts verstehen. „Sind Sie noch dran?“
„Ja.“
„Hören Sie, alles wird gut. Wie fühlen Sie sich?“
„Ziemlich nervös.“
„Meinen Sie, Sie schaffen es, den Kunden noch zu bedienen und dann unter einem Vorwand zu gehen?“
„Ich… Versuche es.“
Der Beamte redete ihr noch gut zu, dann legten sie auf.
Als Liz wieder raus kam sah sie, dass der Kunde an dem Tisch des Verdächtigen Platz genommen hatte und die beiden schon tief in ein Gespräch verwickelt waren.
Das ist ein Komplize.
Liz musste einmal schlucken, dann ging sie auf die beiden zu.
Sie schaute den Mann an. Er war etwa fünfzehn Jahre älter als sein Gegenüber und von untersetzter Gestalt.
„Herzlich willkommen im Lieblingscafé. Haben Sie schon etwas ausgesucht? Heute empfehlen wir frischen Apfelkuchen.“
„Ja, bringen Sie mir einen Kaffee mit Sahne bitte. Keinen Kuchen, danke.“
Sie nickte, dann schaute sie den Schwarzhaarigen an. „Bei ihnen alles in Ordnung, oder kann ich noch etwas tun?“
„Alles gut, vielen Dank.“ Liz musste seinem Blick ausweichen, als er sie anlächelte.
„Perfekt. Ich hole dann den Kaffee.“
Ruhig. Normal. Ruhig. Normal.
Sie zwang sich, langsam zu gehen. Alles so zu machen, wie auch sonst immer.
Als Liz den Kaffee einschenkte, schaute sie auf die Uhr.
Verdammt, Susan. Ich muss sie warnen!
Blitzschnell dachte sie nach. Die beiden Männer wussten nicht, dass Susan jetzt Schicht hat. Liz könne so tun, als hätte Susan hier etwas vergessen. Sie würde sie zufällig über den Platz gehen sehen und ihr entgegen laufen, um es ihr bringen. Dann wären sie beide außer Gefahr. Und vielleicht kommt die Polizei schon bald. Tatsächlich hatte Susan ihre Handtasche hier liegen lassen, als sie in die Pause gegangen war.
Liz stellte den Kaffee auf den Tisch.
„Hier bittesehr.“
Der Mann brummte nur.
Als Liz aufschaute sah sie die Shilouette ihrer Kollegin auf das Café zukommen. Blitzschnell lief sie hinter die Theke, griff nach der Tasche und stürmte raus in den Regen, ihr entgegen. „Susan!“, rief sie, „deine Handtasche!“
Einen Moment blieb die Angesprochene verdutzt stehen, dann lachte sie. „Aber Liz, warte, ich komme doch.“
Doch Liz lief weiter auf sie zu und als sie vor ihr stand, drückte sie ihr die Tasche in die Arme.
„Komm nicht ins Café“, murmelte sie halblaut. „Da sitzt ein gesuchter Verbrecher.“
Susan lachte. „Bitte was? Ach, was du dir wieder ausdenkst!“
„Susan!“
Die Angesprochene wollte weitergehen, aber Liz hielt sie am Arm fest.
„Es ist wirklich so. Ich habe eben mit der Polizei telefoniert. Sie haben gesagt, wir sollen da raus!“
Einen Moment sah Susan sie forschend an.
„Verdammt, du meinst es ernst!“
„Kripo, Hände hoch und keine Bewegung!“
Fast gleichzeitig drehten die beiden Frauen sich um. Ein halbes Dutzend bewaffneter Männer stürmte das „Lieblingscafé“. Der jüngere der beiden Gäste hielt eine Waffe auf den Älteren gerichtet. Nur kurze Zeit später wurde dieser in Handschellen abgeführt.

Die beiden Frauen wurden in Decken gewickelt und in den Mitarbeiterraum gesetzt, während die Beamten noch das Café belagerten. Liz und Susan sahen nur schweigend auf den Boden, als der Schwarzhaarige eintrat.
„Kriminalkommissar Tom Sander.“ Routiniert zeigte er kurz seine Dienstmarke und steckte sie in der gleichen Bewegung wieder ein. „Es tut mir leid, dass Sie da mit reingezogen wurden.“ Er setzte sich auf einen Stuhl gegenüber der beiden. „Sie haben was geahnt, oder?“, fragte er, zu Liz gewandt.
„Ja. Ja, ich… Da war diese Durchsage im Radio.“
Tom schmunzelte. „Und Sie haben mich erkannt. Respekt.“
„Ich hab sogar die Polizei angerufen. Waren die deshalb so schnell da?“
„Das war, kurz bevor unser Ziel kam und Sie kurz ins Hinterzimmer verschwunden sind, nicht wahr? Nein, die Kollegen waren die ganze Zeit da. Das war alles von langer Hand geplant.“
„Ja. Natürlich. Entschuldigung.“
„Also, Sie haben mich erkannt. Die Kollegen informiert. Und sind bei der nächstbesten Gelegenheit raus, um ihre Kollegin zu warnen und selbst aus dem Schussfeld zu kommen”, überlegte Tom laut, dann nickte er anerkennend. “Nicht schlecht, gut gemacht. Aber Sie hatten echt Glück, dass ich kein echter Ganove war, die Anspannung haben sie nur bedingt überspielen können. … Aber Sie haben sich echt gut verhalten, vielen Dank.“ Tom schaute kurz zu Boden, dann wieder zu Liz. „Die Kollegen werden Sie wohl gleich noch nach Ihren Personalien fragen. Und noch ein wenig interviewen…“
Tom holte seine Brieftasche hervor und zog eine Karte heraus. Er notierte etwas auf der Rückseite und reichte sie dann Liz. „Hier ist meine Karte. Wenn Sie wollen… Sie können sich gerne melden, ich würde mich freuen den Schreck wieder gut machen zu können. Bei einem Kaffee vielleicht.“
Liz nahm die Karte entgegen. „Ja, wieso nicht.“
Tom lächelte nur. „So, ich muss dann wieder an die Arbeit… Vielen Dank nochmal!“
Damit stand er auf und verließ den Raum.
„Oouuuh“, machte Susan, „was war das denn? Zeig mal, was steht denn auf der Rückseite?“
Liz drehte die Karte um. „Eine Handynummer.“
Susan setzte zu einer längeren, mit „uuhhs“ und „aahhs“ geschmückten Rede an, aber Liz hörte schon gar nicht mehr zu.
Nein, so einen würde ich bestimmt nicht wegschicken…

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